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Die Sonne scheint durch drei Äpfel an einem Obstbaum.

Obstbauern in Hessen

„Die Lage ist prekär!“

Die Vorsitzender des hessischen Landesverbandes für Erwerbsobstbau Willi Muth fordert politische Hilfe für die Obstbauern in Hessen. 10 bis zwölf Betriebe stehen mit dem Rücken an der Wand.

Von Lara Schulschenk

Willi Muth ist Vorsitzender des hessischen Landesverbandes für Erwerbsobstbau.

Der Deutsche Bauernverband hat die Erntebilanz 2017 vorgelegt und auf den Ernteausfall im Obstanbau bundesweit verwiesen. Wie sieht es bei den hessischen Obstbauern aus?
Es sieht sehr schlecht aus. Das lässt sich ganz einfach beschreiben: Es ist sehr, sehr viel weniger Ernte dieses Jahr. Bundesweit sind das ungefähr 50 Prozent vom Vorjahr, aber wir werden in Hessen noch weniger Ernte haben. Die wird so bei knapp 30 Prozent liegen. Genau kann man das aber erst sagen, wenn der letzte Apfel gepflückt ist.

Ist die Lage der Apfelbauern repräsentativ für alle Obstbauern?
Die Lage aller Obstbauern ist etwas entspannter als die der Apfelbauern. Die Apfelbauern sind halt vom Frost im April besonders betroffen. Dass der Frost in der Blüte des Obstes so sortiert hat, war zuletzt 1991. Da war man relativ schnell fertig mit dem Verkaufen. Aber es stehen alle unter Druck. Man kann im Prinzip sagen, dass wir das 50-Prozent-Jahr haben dieses Jahr. Also es gibt von allem 50 oder 60 Prozent. Es ist kaum jemand dabei, der die hundert Prozent erreicht. Es sind unheimliche Herausforderungen für die Betriebe im Moment.

Benötigen die Obstbauern nun Unterstützung?
Ja, der hessische Gärtnereiverband hat auch einen Brief im Namen vieler Obstbauern an das Ministerium geschrieben und da kam eine Lappalie zurück, dass es hier leider keinen Fonds gibt, um in diesem Bereich zu helfen. Fertig. Ich würde mir wünschen, dass denjenigen, die jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen – weil sie erstens im letzten Jahr den Hagel hatten und zweitens dieses Jahr Frost –, die laufenden Kosten ihrer Betriebe bezahlt werden können. Da soll kein Gewinn raus gezogen werden, aber der einzelne Betrieb sollte erhalten werden. Das handelt sich hier um zehn bis zwölf Betriebe, die jetzt wirklich mit dem Rücken an der Wand stehen in Hessen.

Wie genau könnte denn Unterstützung durch das Land aussehen?
Da muss man bloß nach Baden-Württemberg gucken. Die haben das anders gemacht. Die haben den Katastrophen-Fall ausgerufen und in dem Fall kann das Land dann auch die Betriebe unterstützen. Wie hoch die Unterstützung jetzt letztendlich sein wird, das kann nach Fläche oder Betriebsergebnis berechnet werden. Was endgültig geleistet wird, steht also noch in den Sternen, aber die Zusage in Baden-Württemberg ist da. Eine andere Lösung wäre die Mehrgefahrenversicherung. Auch die soll da greifen, wo jemand unverschuldet in ein finanzielles Dilemma kommt, wenn zum Beispiel die Ernte erfriert, die Obstanlagen durch Sturm verwüstet werden oder absaufen. Das sind alles Schadensereignisse, gegen die sich kein Betrieb selbst versichern kann. In anderen europäischen Ländern wird die Versicherung zum Teil mit bis zu 60 Prozent subventioniert. Das ist also eigentlich eine Sache, die politisch umzusetzen ist, wenn man es will. Aber wir sind zu wenige, wir fallen durch das Raster. Wir werden nicht gehört und vor allen Dingen nicht darin ernst genommen, dass die Lage wirklich prekär ist.

Was bedeutet der Obstanbau für die Region?
Wir sind da, wir ernähren die Leute, wir haben das gelernt mit einer guten fachlichen Ausbildung und wir stehen hinter unseren Produkten – jeder mit seinem Namen. Aber das wird alles irgendwie vergessen. Weiß heute noch jemand wie Obst erzeugt wird? Weiß heute noch jemand, wie die Arbeit überhaupt in einem landwirtschaftlichen Betrieb abläuft? Unsere Aufgabe ist also auch Öffentlichkeitsarbeit.

Was sind die zentralen Probleme für Obstbauern?
Erstens werden die Trockenperioden immer länger. Das Zweite sind die Schlecht-Wetter-Ereignisse. Die werden nicht mehr, aber sehr oft immer heftiger. Das heißt, wenn es einen erwischt, dann sind die Verluste sehr groß. Und die Temperatursprünge werden auch größer. Wenn es kalt ist und es geht dann schnell auf über 34 Grad hoch, das überlebt nichts. Ob das eine Kirsche, Apfel, Zwetschge oder ob das ein Kürbis ist, der irgendwo auf dem Acker liegt – da werden die Zellen zerstört. Das ganze Obst kriegt dann Sonnenbrand wegen der hohen UV-Strahlung und ist nicht mehr vermarktungsfähig. Außerdem sind Importe ein Problem. Weil den großen Ketten egal ist, wo das Obst herkommt. Wenn es aus dem eigenen Land kommt, wird damit geworben und sonst ist es auch dem Verbraucher egal. Deshalb geht dann das Preisniveau nicht hoch. Und in Deutschland heißt es leider immer noch: Geiz ist geil.

Interview: Lara Schulschenk

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