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Jeder der Keller sieht anders aus. Bild:

Oppenheim

Das Labyrinth in der Tiefe

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Geheimnsivolle Unterwelt: Die Keller von Oppenheim sind uralt, aber eine noch junge Attraktion.

Oppenheims große Attraktionen, das waren lange die prächtige spätgotische Katharinenkirche, fein gemeißelt wie eine Goldschmiedearbeit, die Burgruine Landskron mit dem weiten Blick, das mächtige alte Rathaus und natürlich die vielen Weinstuben und Besenwirtschaften. All das ist zwar immer noch genauso sehenswert, es hat aber seit einigen Jahren mächtig Konkurrenz bekommen, mehr oder weniger unbeabsichtigt. Denn dass unter der historischen Altstadt ein dichtes Gewirr an Gängen und Gewölbe liegt, ein wahres Labyrinth voller Geheimnisse, das war lange vergessen.

Stadtführerin Annika Kaub, eine von rund 50 Gästebegleitern der Stadt, passt ihren Besuchern erst einmal Sturzhelme an, bevor es in die Tiefe geht. Denn manche Gänge sind eng, da kann man sich schon mal den Kopf anstoßen. Dann schließt sie ein unscheinbares Türchen unterhalb der riesigen Katharinenkirche auf, und die erste Treppe führt hinunter ins Dunkle. Wobei: So richtig düster ist es hier bei Führungen nicht, die Nischen, Gewölbe und Treppen sind im Gegenteil bunt beleuchtet. Das Gruseligste sind wohl die künstlichen Spinnweben, Überbleibsel von Halloween.

Denn das Labyrinth wird heute wieder vielseitig genutzt: Die Stadt empfängt hier gelegentlich ihre Neubürger, eine Pizzeria tischt in einem der Gewölbe auf, manchmal wird hier gefeiert. Vor allem aber staunen hier die Touristen, im Winter zwar weniger als im Sommer, aber die Anlage ist wetterunabhängig zugänglich. „Wir bieten 365 Tage im Jahr Führungen an“, sagt Hansjürgen Bodderas, Geschäftsführer der Oppenheim Tourismus GmbH.

Was sich hier biete, sei schließlich abgesehen von Bergwerken weltweit fast einzigartig. Die römischen Katakomben etwa seien nicht bergmännisch gebaut, sondern von oben her gegraben. . Nur in Vietnam gebe es mit dem Tunnelsystem des Vietcong aus dem im wahrsten Wortsinne Untergrundkampf gegen die Amerikaner etwas annähernd Vergleichbares, sagt Bodderas. Das Oppenheimer Labyrinth ist allerdings ungleich friedlicher und wesentlich älter. Wie alt das alles ist, lässt sich freilich nur erahnen. Ungefährer Anhaltspunkt: Unter dem Rathaus wurde ein Holzbalken aus dem 13. Jahrhundert gefunden, berichtet Bodderas.

Der geologisch ungewöhnliche Untergrund des Stadthügels von Oppenheim macht es möglich, in dem weichen Lössboden tiefe Keller und Gänge zu graben, die gleichzeitig erstaunlich stabil sind. Oppenheims zentrale Lage an der Kreuzung der großen Handelsstraßen von Prag nach Paris und von Leipzig nach Italien war im Mittelalter ideal, viele Kaufleute machten hier Station und mussten ihre Waren lagern. Also grub man sich ziemlich chaotisch und planlos in die Tiefe.

Die rund 30 000 Besucher im Jahr staunen heute über die seltsamen Kellerformen und ungeahnten Durchgänge, die auf zwei verschiedenen Touren gezeigt werden. Die eine führt durch breite und schmale Gänge fünf Stockwerke tief in den Untergrund. Zu sehen sind hier unter anderem ein Wasserreservoir aus der NS-Zeit, das für Brände angelegt worden war und wohl nie in Betrieb ging, Keller, in denen sich alte Flaschen und Nachttöpfe stapeln oder enge Durchschlupfe – sie sollten aber für die allermeisten Besucher kein Problem sein. Nur Kinder unter fünf Jahren dürfen nicht mitgenommen werden. Der zweite Weg ist enger, verwegener. „Das sollte aber für die meisten Menschen keine Schwierigkeit darstellen, wenn sie keine Platzangst haben“, sagt Bodderas.

Der Oppenheimer erinnert sich noch an Geschichten aus seiner Kindheit. Alte Leute hätten damals erzählt, man habe früher unter der Stadt spazieren gehen können. Was für verrückte Geschichten! „Es ist doch erstaunlich, wie schnell Dinge verloren gehen“, sagt Bodderas heute.

Erst nachdem 1984 eine ganze Straße eingebrochen war und ein riesiges Loch ein ganzes Polizeiauto schluckte, wurde die Stadt aktiv, ließ den Untergrund untersuchen und freiräumen. Rund 18 Millionen Euro kostete das damals, den Löwenanteil übernahm das Land Rheinland-Pfalz. Dabei kamen die alten Keller wieder zum Vorschein.

Als die mit Müll und Schutt verfüllten Gänge freigegraben wurden, geschah Erstaunliches, wie Bodderas berichtet. „Im Raum, der heute den Eingang ins Labyrinth bildet, stand das Wasser, und es stank fürchterlich. Kaum zog hier wieder die Luft durch, war der Keller trocken. Innerhalb von nur einem einzigen Tag war der Gestank weg.“

Heute weht im gesamten Labyrinth stets ein leichtes Lüftchen, es ist gleichbleibend um die 15 Grad warm. Die Gewölbe haben sich wieder stabilisiert. Nach Keller riecht es längst nicht mehr – höchstens nach Geheimnis.

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