Während der gesamten virtuellen Fahrt ruckelt es.
+
Während der gesamten virtuellen Fahrt ruckelt es.

Virtual Reality

Kutschfahrt ins Jahr 1891

Das Unternehmen Timeride schickt Besucher auf eine virtuelle Zeitreise durch Frankfurt.

Direkt gegenüber der Paulskirche ist ein „Colonialwaren“-Geschäft, das man von einer Kutsche aus sieht, bevor die Fahrt in Richtung Römerberg losgeht: So beginnt eine virtuelle Stadtführung durch das Frankfurt des Jahres 1891, die das Unternehmen Timeride seit Samstag anbietet.

Die Besucher des neu eröffneten Standorts des Zeitreisenanbieters sitzen tatsächlich gegenüber der Paulskirche in einer Kutsche – allerdings statt auf der Straße hinter einem Schaufenster. Den Fahrer und das Pferd sieht und hört außer den „Fahrgästen“ niemand, denn die tragen Virtual-Reality-Brillen und Kopfhörer.

Während der virtuellen Fahrt fällt es schwer, sich für eine Blickrichtung zu entscheiden. So fesseln vom Römerberg aus, am Main und am Anlagenring entlang, einerseits historische Bauwerke und Fassaden den Blick, andererseits das geschäftige Treiben auf dem Weg. Rund um den Gerechtigkeitsbrunnen stehen Marktfrauen mit ihren Waren in großen Säcken, nahe dem Eisernen Steg bemühen sich Arbeiter, schwere Kästen zu schieben. Zusätzlich kommentiert der Fahrer die Strecke und sehenswerte Gebäude, immer wieder hört man kurze Ausschnitte von einzelnen Gesprächen aus der Umgebung.

Insgesamt dauert die virtuelle Kutschfahrt eine Viertelstunde. Menschen mit schwachen Mägen können hinterher etwas unsicher auf den Beinen stehen, weil ein Ruckeln der Kutsche während der gesamten Fahrt zu den restlichen Eindrücken hinzukommt. Allerdings findet die Kutschfahrt erst am Ende der Zeitreise statt. Die beginnt nach der Anmeldung an einer Eingangstür hinter der Ladentheke. Timeride-Geschäftsführer Jonas Rothe ist es wichtig, auf den historischen Charakter des Gebäudes hinzuweisen. Deswegen habe man einen Ausschnitt der alten Fassade möglichst detailgetreu nachgebaut.

Hinter der Tür verbirgt sich der Verkaufsraum des erfundenen Geschäfts, das man zu Beginn der Kutschfahrt von außen sieht. Von der Decke hängen echte Gewürze, getrocknete Tabakblätter und Küchenhilfen aus Holz. Per Lautsprecher erzählt der fiktive Geschäftsmann Theodor Riedel, er habe in diesem Laden seine Kindheit verbracht. Hinter dem Tresen steht eine Frau, die eine Angestellte spielt und den Besuchern Ratschläge gibt, welche Produkte aus ihrem Geschäft „gestandene Frauen“ und ihre „Gemahle“ nicht missen dürften.

Aus verschiedenen Schubladen und Schranktüren zieht sie dabei Behälter hervor und zeigt die darin verborgenen Waren. Der Raum ist detailreich ausgestattet, laut Geschäftsführer Rothe sind alle Waren echt. Außerdem seien die Schränke im Laden sowie im zweiten Raum der Führung originalgetreue Nachbauten. Bevor sich die Besucher jedes Detail anschauen können, geht es schon in das Arbeitszimmer des fiktiven Theodor Riedel, wo zunächst ein großer Schrank voller alter Bücher Aufsehen erregt. Dieses Zimmer bietet stadtfremden Besuchern einen Überblick über die Geschichte Frankfurts inklusive Erklärung der Herkunft des Stadtnamens. Über Karl den Großen und die erste Nationalversammlung in der Paulskirche bis zum Jahr 1891 erhalten die Besucher so eine geschichtliche Einordnung. „Für Frankfurter ist das eher eine Wiederholung“, sagt Rothe, aber er wolle Gäste erst in der Zeit ankommen lassen, bevor die Kutschfahrt beginne.

Die Zeitreise ist für Touristen und Frankfurter gedacht. Riedel und der Kutschfahrer sprechen ein Frankfurterisch, das auch Menschen verstehen, denen der Dialekt nicht vertraut ist. Bei der Wahl des Jahres durften Rothe zufolge einige Frankfurter mitreden: „Wir haben auf der Straße Leute gefragt, was sie gerne sehen würden.“ Viele hatten den Wunsch, Frankfurt vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zu sehen. Das Jahr 1891 solle für den Schritt in die Moderne stehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare