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Bringt Menschen aus unterschiedlichen sozialen, politischen und kulturellen Schichten zusammen: Hüseyin Sitki.

Kultur

„Kultur hat großen Einfluss auf Integration“

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Der Leiter des Türkischen Filmfestivals Frankfurt glaubt an die Macht der Bilder. Das 20. Bestehen seines Kulturevents fällt wegen Corona zwar kleiner aus, deshalb ist er aber nicht weniger engagiert

Wehmütig blickt sich Hüseyin Sitki im leeren Saal 5 des Cinestar Metropolis um. Normalerweise wären alle 600 Plätze am 1. November gefüllt gewesen, der 58-Jährige wäre auf die Bühne getreten und hätte das 20. Türkische Filmfestival Frankfurt eröffnet. Durch Corona wird das Jubiläum des Kulturevents deutlich kleiner ausfallen. Trotz allem blickt Sitki voller Stolz auf die vergangenen Jahre zurück und erklärt die Motivation für sein Engagement.

Herr Sitki, welche Rolle hat Kino in Ihrer Jugend gespielt?

Ich bin bis zu meinem elften Lebensjahr im Dorf Bahceköy – in der Nähe von Ankara – aufgewachsen und bin bis dahin nicht ins Kino gegangen. Um auf die weiterführende Schule zu gehen, sind wir nach Ankara gezogen. Mein großer Bruder, der Lehrer war, hat mich dann zum ersten Mal ins Kino mitgenommen.

Was war Ihr erster Film?

Daran erinnere ich mich nicht mehr (lacht). Unsere Möglichkeiten waren limitiert, aber bei jeder Gelegenheit, vor allem im Sommer, sind wir ins Open-Air-Kino gegangen. Leider sind sie verschwunden, und ich spüre ihr Fehlen jedes Mal, wenn ich in Ankara bin.

Welche Filme, Schauspieler haben Sie damals beeindruckt. National wie international?

In den Open-Air-Kinos waren die wichtigsten Filme, die von Cüneyt Arkin und Yilmaz Güney – das waren Abenteuer- und Actionfilme. In der Mittelschule habe ich linkes Gedankengut kennengelernt. Mitte der 70er Jahre wurde man in der Türkei sehr schnell politisiert, und in der Zeit haben wir angefangen, viele sozialkritische Filme zu schauen. Die 68er-Bewegung kam mit etwas Verspätung auch bei uns an. Das hat mich als 13-, 14-Jähriger beeindruckt, und in dem Alter habe ich dann in der Schule linke Literatur kennengelernt. Russische, amerikanische, deutsche, französische. Wir haben das sehr ernsthaft gelesen. Als ich nach Deutschland gekommen bin, haben sich einige gewundert, dass ich Heinrich Böll, Stefan Zweig und Günter Grass gelesen habe.

Im Alter von 17 sind Sie nach Deutschland gekommen. Weshalb?

Meine Mutter hatte große Angst um mich. Mein großer Bruder lebte mittlerweile in Deutschland, und sie hat ihm gesagt: Nimm ihn zu dir, sonst wird er noch großen Ärger bekommen. In den 70er Jahren gab es viele Konflikte, und es sind Dutzende Leute gestorben – bei Linken und bei Rechten. Meine Mutter befürchtete, dass ich verhaftet oder erschossen werden könnte. Außerdem habe ich die Hochschulaufnahmeprüfung bestanden, aber ich konnte mich aufgrund der politischen Situation nicht einschreiben lassen. So bin ich nach Frankfurt gekommen.

Wie muss man sich das Leben als junger, engagierter Mensch in den 1980ern in Deutschland vorstellen?

Es war schwer, da ich kurz darauf auf mich selbst gestellt war. Nachdem mein Bruder zurück in die Türkei ist, war ich erst einmal mittellos. In den ersten Jahren habe ich gekellnert und geputzt, später habe ich Nachhilfe in Mathematik und Physik gegeben. Ich musste meinen Lebensunterhalt selber bestreiten, auch als ich mich an der Goethe-Universität eingeschrieben habe, um Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften zu studieren.

Sie haben mehrere Vereine gegründet und waren auch insgesamt elf Jahre lang in der Kommunalen Ausländervertretung (KAV) tätig. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Das war für mich eine sehr wichtige Zeit. Die letzten Jahre von 2001 bis 2005 war ich KAV-Vorsitzender. So habe ich die Kommunalpolitik und die Stadtverwaltung aus nächster Nähe kennen- und das parlamentarische System verstehen gelernt. Ab Mitte der 80er Jahre habe ich meine politische und Vereinsarbeit auf die Einwandererpolitik konzentriert. Wir haben gesagt: Wir leben hier, unser Lebensmittelpunkt ist in Deutschland, und wir wollen uns mit den Problemen vor Ort beschäftigen. Natürlich interessiert uns, was in der Türkei passiert, weil die eine Hälfte unseres Herzens immer noch da ist.

Das Festival

Das 20. Türkische Filmfestival Frankfurt wird am 1. November mit einem Empfang im Römer eröffnet. Vom 2. bis zum 5. November werden sieben Filme im Filmforum Höchst und im Deutschen Filmmuseum (DFF) gezeigt.

Karten können im Filmforum Höchst unter Telefon 069 / 212 457 14 reserviert werden. Im DFF unter Telefon 069 / 961 220 220. Oder in beiden Kinos direkt gekauft werden.

Weitere Informationen gibt es unter: www.turkfilmfestival.de

Warum haben Sie im Jahr 2000 das Türkische Filmfestival in Frankfurt organisiert?

Ich hatte immer das Gefühl, dass die türkische Kultur und die türkischen Menschen nie richtig gut vorgestellt worden sind. Das hat mich sehr gestört, und ich fand das ungerecht.

Wie war das Bild der Türken?

Die Leute kannten nur die bekannten Klischees. Dabei hat die Türkei eine reiche Geschichte, tolle Literatur, Architektur und Kunst. Um alles vorzustellen, reichten meine Kapazitäten natürlich nicht, aber ich habe schon immer das Kino geliebt. Da Frankfurt eine interkulturelle Metropole ist, wollte ich, dass den Menschen ein qualitativ hochwertiges Bild der Türken gezeigt wird. Integration funktioniert niemals einseitig, sondern immer nur gegenseitig. Ich bin der Überzeugung, dass die Kultur und Bildung einen großen Einfluss darauf hat.

Inwiefern?

Vieles, was die Politik nicht zu leisten imstande ist, kann eine Bilderausstellung oder ein Film erzählen. Sie erzählen, wie die Menschen weinen, wie sie lachen, was sie ärgert, mit welchen Problemen sie beschäftigt und wie die Beziehungen zu Eltern und Geschwistern oder zur Natur sind. Das Kino hat eine einfache Sprache, weil es mit Bildern erzählt und so die Menschen einfacher erreicht.

Zahlreiche prominente Schauspieler, Künstler und Musiker sind in den folgenden Jahren aus der Türkei zum Festival gekommen. Wie haben Sie die überzeugt?

Am Telefon. Wenn du aufrichtig bist, sehen die Menschen das an deinen Augen und an der Art, wie du sprichst. Alle Prominenten sind ohne einen Cent zu bekommen nach Frankfurt gekommen – die Kosten für Reise und Logis ausgenommen. Mit allen pflege ich ein freundschaftliches Verhältnis, und wenn ich sie heute anrufen würde, würden sie wiederkommen.

Sie sind Träger des Bundesverdienstkreuzes, haben die Goetheplakette des Landes Hessen und den Integrationspreis der Stadt Frankfurt erhalten. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

Das ist für mich als türkischstämmiger Mensch eine besondere Anerkennung. Ich bin darauf sehr stolz. Das macht mein Leben reicher und hält mich auf den Beinen.

Wie meinen Sie das? Gab es mal Überlegungen, das Festival nicht zu organisieren?

Wenn ich sagen würde, dass ich diese Krise von Zeit zu Zeit nicht erlebt hätte, wäre ich nicht ehrlich. Wir haben keinen, der fest angestellt ist, keinen Sekretär, kein Büro. Es gibt immer wieder Kritiker, die glauben, dass ich mit dem Festival Geld verdiene. Dabei mache ich das nach meinem Beruf in meinem kleinen Arbeitszimmer bis tief in die Nacht. Man kann auch nicht jeden zufriedenstellen, aber Tausende Leute zeigen mit ihrer Teilnahme, dass ihnen das Festival gefällt. Wir sind immer offen für Vorschläge und konstruktive Kritik, die uns nach vorne bringt. Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei all den Freiwilligen bedanken, die mir zur Seite stehen und gestanden haben. Ohne sie würden wir nicht das 20. Jubiläum des Festivals feiern.

Dafür wird der Rahmen wegen Corona kleiner ausfallen.

Ja, und das macht mich traurig. Wir waren eigentlich sehr gut vorbereitet und hatten viele Sachen geplant. Wir hoffen, dass es nächstes Jahr wieder anders aussieht. Die Leute sollen sehen, dass es Kontinuität gibt und die Bindung zur Kunst nicht verlieren.

Wie wird das diesjährige Festival aussehen?

Wir werden einen kleinen Empfang im Römer machen. Wir zeigen insgesamt sieben Filme im Filmforum Höchst und im Deutschen Filmmuseum. Zudem werden wir die Kurz- und Dokumentationsfilme auf unserer Website zeigen.

Was sind die wichtigsten Errungenschaften des Festivals in den vergangenen 20 Jahren?

Wir haben den türkischstämmigen Menschen Selbstbewusstsein vermittelt. Wir haben für unsere Gala immer bewusst zentrale Orte in der Stadt wie das Zoopalais oder das Gesellschaftshaus im Palmengarten gewählt, um zu zeigen, dass wir dazugehören. Außerdem haben wir es geschafft, dass türkischstämmige Menschen aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und politischen Schichten zusammenkommen, die das sonst jahrelang nicht getan haben. Was die deutschen Mitbürger angeht, ist es uns gelungen, ihnen einen Teil der türkischen Kultur durch Filme näherzubringen. Und wir haben die Institutionen, wie das Hessische Kultusministerium, das Kulturamt der Stadt Frankfurt, das Amt für multikulturelle Angelegenheiten oder das Filmhaus Frankfurt auf uns aufmerksam gemacht und arbeiten mit ihnen mittlerweile zusammen.

Welche Ziele haben sie noch?

Wir wollen uns institutionalisieren. Wir sind mit dem Kulturdezernat in Gesprächen, ein Büro zu bekommen. Dann könnten wir auch einen Sekretär einstellen und so das Festival als noch wirksameres Event fortführen. Mit dieser Infrastruktur, davon bin ich überzeugt, können wir ein europaweites Festival organisieren. Unsere Herzen sind reich und können mit wenig Geld Großes erreichen.

Sie stehen bei der nächsten Kommunalwahl in Frankfurt für die SPD auf Listenplatz 9. Warum wollen Sie in den Römer?

Zum einen möchte ich den jungen Menschen mit Migrationshintergrund ein Vorbild sein. Wenn wir mitreden wollen, müssen wir auch mitarbeiten. Ich möchte auch eine Stimme für diejenigen sein, die ihre Probleme und Sorgen nicht artikulieren können. Ich möchte dafür sorgen, dass Menschen mit Migrationshintergrund gleich behandelt, akzeptiert und respektiert werden. Ich werde hart dafür arbeiten und beweisen, dass ich kein Alibikandidat bin.

Interview: Timur Tinç

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