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Sabine von Bebenburg (60) ist seit zehn Jahren Geschäftsführerin der Kulturregion Frankfurt-Rhein-Main. Sie ist Wirtschaftsgeografin und Stadt- und Regionalplanerin.
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Sabine von Bebenburg (60) ist seit zehn Jahren Geschäftsführerin der Kulturregion Frankfurt-Rhein-Main. Sie ist Wirtschaftsgeografin und Stadt- und Regionalplanerin.

Kultur

„Kultur droht aus dem Bewusstsein zu schwinden“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Sabine von Bebenburg über den Wert der unmittelbaren Begegnung, die Grenzen digitaler Ersatzangebote und Sorgen und Hoffnungen für die Zeit nach Corona.

Mit der Route der Industriekultur, einer spannenden Entdeckungsreise durch die industrielle Geschichte der Rhein-Main-Region, ging es los. Jetzt, nach 15 Jahren, bietet die Kulturregion Frankfurt-Rhein-Main eine breite Palette an Angeboten für nahezu jede Altersgruppe. Zahlreiche Kommunen haben sich der Initiative angeschlossen. Doch auch hier schränkt Corona die Möglichkeiten stark ein. Wir haben anlässlich des Jubiläums mit Geschäftsführerin Sabine von Bebenburg gesprochen und gefragt, ob es Grund zur Besorgnis gibt. Und was nach der Seuche bleibt.

Frau von Bebenburg, machen Sie sich Sorgen um die Kultur in der Region Rhein-Main?

Die Kommunen sind in einer sehr angespannten Situation, was ihre Haushalte betrifft. Das wird auch auf die Kultur durchschlagen. Man muss fürchten, dass einige kulturelle Akteure das schlecht verkraften. Sorgen mache ich mir vor allem auch, weil die Kultur, so wie wir sie bisher erlebt haben, aus dem Bewusstsein verschwindet.

Eine Station des Projekts Garten Rhein-Main der Kulturregion: die Grünanlage an der Stadtmauer von Büdingen.

Was meinen Sie damit? Die Leute vergessen, dass es Theater gibt oder Kleinkunst in der Kneipe?

Nein, ganz im Gegenteil. Es gibt eine große Sehnsucht nach Kultur bei jenen, die schon bisher die Angebote zu schätzen wussten und die vielleicht jetzt notgedrungen auf Alternativen ausweichen müssen und das auch tun. Es geht mir vielmehr um jene Menschen, die nicht so kulturaffin sind. Normalerweise begegnen auch sie der Kultur ganz automatisch, in der Stadt, in der ein Fest gefeiert wird, bei einem Konzert, dem Schulklassenausflug ins Museum und so weiter. Das ist in diesem Cocooning, in dem wir uns befinden, eben nicht mehr so. Gerade jene, die wir an die Kultur heranführen wollen, haben kaum noch Gelegenheit, darauf zu stoßen.

Bekommen wir eine Generation, die für die Kultur verloren ist? Oder ist das zu schwarz gemalt?

Es gibt ja viele Akteure auf dem Feld der kulturellen Bildung, dazu gehören wir auch. Ein Teil unserer Angebote ist ganz gezielt an Kinder und Jugendliche adressiert, um diese an Kultur in ihren Facetten heranzuführen. Wenn der jetzige Zustand noch lange dauert, geht da einiges verloren. Dabei hat Kultur auch für das soziale Miteinander und die Identität mit der Region eine immense Bedeutung. Ich hoffe, dass das im öffentlichen Bewusstsein bleibt, wenn die Kassen künftig etwas leerer sein werden.

Theaterspiel gehört zum Projekt „Geist der Freiheit – Freiheit des Geistes“.

Sie haben zahlreiche Ihrer Angebote der Kulturregion auf digitale Wege umleiten müssen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Auf Englisch würde man sagen: There’s nothing like the real thing. Digital ist eben oft nur ein Surrogat. Immerhin ist es sehr viel besser als keine Angebote. Was fehlt, ist die unmittelbare Begegnung mit der Kunst und jenen, mit denen man sie gemeinsam erlebt. Ich habe aber auch dazugelernt.

Zum Beispiel?

Bei der Barrierefreiheit. Wenn man eine Podiumsdiskussion in den digitalen Raum verlegt, nehmen daran Menschen teil, die sonst überhaupt nicht gekommen wären, weil sie zu weit weg wohnen oder nicht so mobil sind. Wir werden nicht zur alten Realität zurückkehren, sondern die Möglichkeiten digitaler Angebote auch künftig mitdenken, wenn Corona vorbei ist.

Wir sprechen anlässlich des Jubiläums 15 Jahre Kulturregion Frankfurt-Rhein-Main miteinander. Sie haben 53 Mitglieder und erreichen potenziell knapp 3,4 Millionen Menschen, also mehr als jeden zweiten Hessen. Kann sich das noch weiter entwickeln, oder muss man wegen der Pandemie eher ein Bröckeln befürchten?

Corona wird eine Finanzierungskrise auslösen, davon werden die Kommunen besonders betroffen sein, die ja unsere Mitglieder sind. Das wird auch den Haushalt für die Kultur treffen. Ich bin sehr froh, dass uns bisher alle erhalten geblieben sind, und es gibt durchaus Potenziale, den Kreis noch zu weiten.

Das Büchnerhaus in Riedstadt-Goddelau ist Ort hessischer Emanzipationsgeschichte und lebendiges Museum.

Wie wollen Sie das erreichen?

Wir müssen deutlich machen, welche Vorteile eine Mitgliedschaft in der Kulturregion hat. Wir sind Experten für Förderanträge, an denen gleich mehrere Kommunen teilnehmen können, ohne sich selbst einarbeiten zu müssen. Wir sichten die Förderprogramme in Europa und im Bund, wir identifizieren gute Beispiele aus der Praxis und geben sie weiter. Wir vernetzen und stärken die gemeinsame Identität anhand konkreter Projekte, zum Beispiel die Route der Industriekultur Rhein-Main. Und wir erstellen mit unseren Akteuren in der Region gute kulturelle Angebote und machen diese sichtbar. Die Kosten dafür sind nicht allzu hoch für die Mitglieder, das sind zwölf Cent je Einwohner und Jahr.

Es lohnt sich also, in der Kulturregion zu sein. Was sehen wir im nächsten Jahr von Ihnen?

Wir führen unsere zahlreichen etablierten Projekte weiter, gerade das Thema Nachhaltigkeit wird weiter eine große Rolle spielen. So wird beim Garten Rhein-Main das Schwerpunktthema „Grün im Wandel“ lauten. Das ist auf den Klimawandel und die vermehrte Trockenheit genauso gemünzt wie auf die Frage von Nutzungskonflikten um das Grün in der Region. Wir werden keine neuen Baustellen eröffnen, sondern das Bewährte vertiefen.

Der Turm der alten Brauerei neben zeitgenössischer Architektur: eine Station der Route der Industriekultur in Bad Homburg.

Was kann die Kulturregion dazu beitragen, die Folgen dieser Corona-Seuche zu überwinden oder doch zu mildern?

Wir hoffen, dass wir Menschen wieder zusammenbringen können. So haben wir beispielsweise das Kindertheaterfestival „Starke Stücke“ in den Sommer verlegt, weil wir darauf setzen, im Sommer zumindest im Freien wieder spielen zu können. Wir wollen Kultur wieder unmittelbar erlebbar machen. Denn Kultur ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt von zentraler Bedeutung.

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