REG-MichaelErhardt-pj_090920
+
Michael Erhardt von der IG Metall kämpft für die Arbeitsplätze bei Continental.

Corona-Krise

„Kürzere Arbeitszeiten sind eine Möglichkeit, Jobs zu sichern“

  • Christoph Manus
    vonChristoph Manus
    schließen

Continental will mehrere Tausend Arbeitsplätze in Hessen streichen. Michael Erhardt von der IG Metall spricht im FR-Interview über Autobranche in der Krise und alternative Lösungen.

Herr Erhardt, der Automobilzulieferer Continental will sein Werk in Karben schließen. Was gibt Ihnen Hoffnung, das noch zu verhindern?

Wir haben schon zweimal erfolgreich verhindert, dass das Werk in Karben geschlossen wird. Es ist mehrfach ausgezeichnet worden, zuletzt im vergangenen Jahr für besonders hohe Qualität, Produktivität und Liefertreue. Diese Wertschöpfung ist nicht einfach in Niedriglohnländer zu transferieren. Außerdem gibt es in Karben eine äußert kampfstarke Belegschaft, die ihren Forderungen Nachdruck verleihen kann.

Sehen Sie auch noch Chancen, dass in Babenhausen, Schwalbach und Frankfurt-Rödelheim zumindest weniger Stellen wegfallen als von Conti geplant?

Für das Werk in Schwalbach haben wir bereits ein sehr gut ausgearbeitetes Konzept zur Beschäftigungssicherung vorgelegt. Auch für Babenhausen gibt es ein Alternativkonzept. Dass Conti nun auch in Frankfurt so viele Arbeitsplätze abbauen will, hat uns schockiert. Wir wollen dort nun zunächst virtuelle Abteilungsversammlungen einberufen, um mit den Kolleginnen und Kollegen die Problemlage zu analysieren und Alternativen zur Beschäftigungssicherung zu erarbeiten.

Conti begründet den Sparkurs mit der fortdauernd geringen weltweiten Fahrzeugproduktion und der Verschärfung der Konjunkturkrise durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Das Problem der Unterauslastung in der Autoindustrie diskutiert niemand weg. Andere große Zulieferer verhalten sich in der Krise aber anders. ZF zum Beispiel hatte einen Abbaubedarf von 13 000 Stellen angekündigt. Dort gibt es aber inzwischen eine Vereinbarung, dass es zu keinen betriebsbedingten Kündigungen kommt. Unsere Erwartungshaltung ist, dass der Conti-Vorstand von seinem Konfrontationskurs abrückt und mit uns gemeinsam vernünftige Lösungen diskutiert. Wir müssen versuchen, mit Innovationen wieder aus dem Tal herauszukommen.

Wie angespannt ist die Situation bei den anderen Unternehmen der Branche in der Region?

Zur Person

Michael Erhardt (57) ist seit 2008 Erster Bevollmächtigter der IG Metall Frankfurt. Zuvor hatte er eine Unternehmensberatung aufgebaut.

Die Autobranche ist nicht nur in Frankfurt/Rhein-Main in einer außerordentlich schwierigen Situation. Die Folgewirkungen der Pandemie treffen zusammen mit den Umbauerfordernissen für die digitale Transformation und die Dekarbonisierung, also etwa die Umstellung auf Elektroantrieb.

Nach Zahlen des Arbeitgeberverbands Hessenmetall sind die Umsätze in der hessischen Metall- und Elektroindustrie im ersten Halbjahr um rund fünf Milliarden Euro gesunken. Die Auftragseingänge sind um 17 Prozent zurückgegangen. Droht über die Autobranche hinaus eine riesige Entlassungswelle?

Die Gefahr gibt es. Wir erwarten von den Arbeitgebern, dass sie die Instrumente zur Beschäftigungssicherung nutzen, statt opportunistisch Tabula rasa anzukündigen, wie das Conti offenbar vorhat.

Kurzarbeit wird schon in riesigen Dimensionen genutzt. Welche Instrumente meinen Sie noch? IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hat insbesondere für die Autoindustrie eine Vier-Tage-Woche ins Spiel gebracht, um Arbeitsplätze zu erhalten.

Wenn Kurzarbeit nicht mehr ausreicht oder für das Unternehmen zu teuer wird, ist eine Reduzierung der Arbeitszeiten eine Möglichkeit. Uns ist zudem wichtig, dass die Unternehmen Phasen der Unterauslastung nutzen, um die Beschäftigten zu qualifizieren.

Welche Auswirkungen hat es, wenn in der Krise große Betriebe schließen? Geraten dann kleinere Zulieferer oder Handwerksbetriebe mit in den Abwärtsstrudel?

Wenn die Menschen in Karben nach einem Arbeitsplatzverlust weniger Einkommen haben, schadet das auch dem Bäcker und dem Handwerker im Ort. Deshalb wünschen wir uns ein breites Bürgerbündnis zur Unterstützung des Kampfes um die Arbeitsplätze.

Interview: Christoph Manus

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare