1. Startseite
  2. Rhein-Main

„Krisen müssen uns nicht schrecken“

Erstellt:

Kommentare

Volles Haus: So voll wie beim Neujahrsempfang der Stadt am Samstag war der große Kurhaus-Saal lange nicht mehr. jens priedemuth
Volles Haus: So voll wie beim Neujahrsempfang der Stadt am Samstag war der große Kurhaus-Saal lange nicht mehr. jens priedemuth © Priedemuth

Frankfurts Uni-Präsident Schleiff macht Mut beim Neujahrsempfang der Stadt

BAD HOMBURG - Da ist sie wieder, die Stadtgesellschaft! Dicht an dicht sitzen oder stehen sie am Samstagvormittag im großen Kurhaus-Saal; ein gespanntes Gemurmel vor Programmbeginn, das auch dann nur zögerlich abbricht, als die GaG-Ehemaligen-Band „Reloaded“ rockig mit einem „Queen“-Song loslegt. 300 Frauen und Männer, die diese Gesellschaft tragen und ausgestalten, sind hier nach zwei Jahren Corona-Pause erstmals wieder versammelt - sie engagieren sich in Politik und Kultur, Feuerwehr und Hilfsorganisationen, sind in Stiftungen, Schulen oder Kirchen tätig, prägen die lokale Wirtschaft oder den Karneval. „Sie sorgen für ein lebendiges Bad Homburg“, sagt Stadtverordnetenvorsteher Dr. Alfred Etzrodt (CDU) zur Begrüßung.

Selten habe ein Jahr die Menschen so gebeutelt wie 2022; zwar habe man sich schon bei Homburger Sommer oder endlich wieder dem Laternenfest wiedergesehen; aber „auch in Homburg sind die sorglosen Jahre vorbei“, so Etzrodt mit Blick auf die Stadt-Finanzen. Richtfest fürs Kino, Grundsteinlegung der neuen Kläranlage, Wohnungen, Radverkehr verbessert, der Abriss am alten Krankenhaus läuft - trotz allem sei im vergangen Jahr einiges geschafft worden.

2023 werde aber ein herausforderndes Jahr voller Unwägbarkeiten und „schmerzhaften Einschnitten in weiteren Bereichen“. Die Defizite im Doppelhaushalt 23/24 zu decken werde eine Herkulesaufgabe; am 30. März soll das Stadtparlament ihn beschließen. „Doch Bad Homburg bleibt ein starker Wirtschaftsstandort“, so Etzrodt, deshalb würden Projekte wie U2-Verlängerung und Schulberg- Umbau in Angriff genommen und im Sommer die Bürgerbefragung zum neuen Kurhaus. Auch baue die Stadt weitere Kitas, während der Kreis das Schulbau-Programm weiterführe - „für die Leistungsträger von morgen“. Zumindest seien deren schulische Leistungen im Taunus besser als im Rest der Republik, so Etzrodt, womit er zum Gastredner, dem Uni-Präsidenten Prof. Dr. Enrico Schleiff, überleitet.

„Stadt steht vor Herkulesaufgabe“

Emotional ins Thema Zukunft führt wiederum die Band „Reloaded“ mit zunächst einer Eigenkomposition („We should try“) und dem „Ärzte“-Song „Junge („Wie du wieder aussiehst . . “). Die Band, meint Schleiff, solle einen neuen Song schreiben, in dem es nicht um das Versuchen oder Verlautbaren gehe, sondern um das „einfach Machen“. Applaus im Publikum.

Etzrodt hat Schleiff schon vor zwei Jahren eingeladen, dann erneut 2021 - beide Neujahrsempfänge waren wegen Corona ausgefallen. Doch gerade jetzt ist seine Impulsrede zum Thema „Gesellschaft und Wissenschaft im Wandel - gemeinsam Zukunftsfähigkeit gestalten“ passend. Der Uni-Präsident macht Mut, Krise als Chance zu betrachten, und ruft zu mehr Gemeinschaft und Zusammenarbeit auf. Krisen wirkten sich global aus und globale Krisen berührten die eigene Lebenswelt. „Doch sie müssen uns nicht schrecken“, so Schleiff. Krisen seien erst Krisen, wenn sie als solche deklariert würden, und wirkten oft als Katalysatoren bahnbrechender Dinge. „Ohne Corona hätten wir jetzt noch keinen mRNA-Impfstoff.“

Bad Homburg und die Frankfurter Universität hätten vieles gemeinsam - etwa die Einwohnerzahl und die Zahl von Studierenden und Beschäftigten, beides zwischen 50 000 und 60 000 -, und sie seien für den Wandel der Gesellschaft, der im Gange ist, hervorragend aufgestellt. Sie könnten auch voneinander lernen. Vielseitigkeit werde immer wichtiger; und so entwickle die Uni ihre Studiengänge - derzeit sind es 165 - immer weiter. Die Studierenden seien die Gestalter der Gesellschaft von morgen. Mit Freude habe er das Stadtentwicklungskonzept mit seinen ambitionierten Zielen gelesen - „lassen Sie uns doch gemeinsam diskutieren!“ Die Forschenden der Uni interessierten sich für die Bedürfnisse einer Stadt. Die Studierenden wiederum könnten in Bad Homburg Platz finden, etwa wenn hier Wohnraum für sie entstehe oder eine Start-up-Szene. „Und wer hier wohnt, fährt dann nicht mehr nach Frankfurt.“ Wissenschaft und Gesellschaft sollten einander „auf Augenhöhe“ begegnen, so der Zellbiologe, was ja im von der Stadt unterstützten Forschungskolleg Humanwissenschaften schon getan werde. Angesichts der großen Herausforderungen gehe es auch gar nicht mehr anders als gemeinsam. Doch hier sei so viel Wissen versammelt - „um die Region ist mir nicht bange“, sagt Schleiff und entlässt die Stadtgesellschaft mit einem guten Gefühl in den Austausch.

Auch interessant

Kommentare