Historische Aufnahme der von Carl Schäfer entworfenen Alten Universität.
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Historische Aufnahme der von Carl Schäfer entworfenen Alten Universität.

Universität Marburg

Kreuzgänge, Spitzgiebel und ein Karzer

  • Gesa Coordes
    vonGesa Coordes
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Die Alte Universität in Marburg wird 125 Jahre alt. Auch die Philosophin Hannah Arendt zählte zu den Studierenden.

Die Alte Universität Marburgs sieht aus, als sei sie direkt dem Mittelalter entsprungen. Tatsächlich feiert sie in diesem Jahr erst ihr 125-jähriges Bestehen. Sie wurde jedoch im neogotischen Stil auf den Grundmauern eines ehemaligen Klosters errichtet und prägt bis heute das Gesicht der Marburger Oberstadt. Mit beeindruckenden Spitzgiebeln, Maßwerkfenstern und Kreuzgängen lässt das von Universitätsbaumeister Carl Schäfer geplante Gebäude das alte Dominikanerkloster wieder aufleben.

Dass die evangelischen Theologen heute in der Alten Universität untergebracht sind, passt zur Geschichte des Ortes. Landgraf Philipp hatte das Kloster bereits 1527 enteignet und in die erste, heute noch bestehende protestantische Universität der Welt umgewandelt. Als Anhänger der Reformation wollte er damit die Ausbildung von lutherischen Theologen und Beamten vorantreiben. Das alte Dominikanerkloster wurde im Laufe der Jahre jedoch zu klein und verfiel derart, dass 1846 acht Schüler bei einem Einsturz verschüttet wurden. Aus dem Mittelalter stammt nur noch die mit der Alten Universität fast nahtlos verbundene Kirche der Dominikaner, die heutige Universitätskirche.

Bis in die 1960er Jahre hinein war die Alte Universität das zentrale Gebäude der Philipps-Universität: Die Geisteswissenschaftler und die Uni-Verwaltung residierten hier. Der russische Dichter Boris Pasternak, der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann und die Philosophin Hannah Arendt wurden dort als neue Marburger Studierende mit Handschlag vom Rektor begrüßt. Erst im Wintersemester 1968 schaffte man das Ritual ab, zu dem ein feierliches Gelöbnis gehörte.

Doch die Alte Aula der Universität ist bis heute der prunkvollste Saal der Hochschule und wird für Antrittsvorlesungen, Kongresse und akademische Feiern genutzt. Die Wände sind mit sieben monumentalen Gemälden des Historienmalers Johann Peter Theodor Janssen bedeckt. Sie zeigen wichtige Ereignisse aus der Stadt- und Universitätsgeschichte: Die Heilige Elisabeth mit ihrem Zuchtmeister, die Reformatoren Luther, Melanchthon und Zwingli auf dem Weg zum Religionsgespräch, begeisterte Studenten, die den Aufklärer Christian Wolff begrüßen sowie Mönche der Dominikaner beim Auszug aus ihrem Kloster, das sie der Universität überlassen mussten.

Mächtige Kronleuchter bescheinen die Gemälde. Gedämpftes Tageslicht fällt durch die filigran gearbeiteten Fenster. Für die Professoren wurden Wappen deutscher Universitäten in die Eichenstühle geschnitzt. Einst kamen sie durch einen eigenen Eingang zu ihren noblen Stühlen. Heute sitzen meist Studierende oder zu spät kommende Gäste auf den erhöhten Plätzen. Die Sitzordnung wurde nämlich im Laufe der Jahre umgedreht. Wer gut sehen möchte, sollte auf den modernen Stühlen auf der anderen Seite Platz nehmen.

Berühmte Gäste hat der Saal gesehen: Hitlers Vizekanzler Franz von Papen hielt hier 1934 seine regimekritische Marburger Rede. Schriftsteller Gottfried Benn sprach hier 1951 über „Probleme der Lyrik“. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde hier 2007 mit der Ehrendoktorwürde der Universität ausgezeichnet.

Ganz andere Berühmtheit verspricht der frühere Karzer der Hochschule, der sich in einem Seitenflügel der Alten Universität verbirgt. Rund 230 Studenten saßen von 1879 bis 1931 in diesem Universitätsgefängnis ein – meist wegen Beleidigungen, Unfug, Schlägereien, Trunkenheit oder Duellen. Der karge Raum ist über und über mit Inschriften und Zeichnungen seiner Insassen verziert.

Im Innenhof der Alten Universität erinnert eine Büste an den renommierten Theologen Rudolf Bultmann (1884 bis 1976), der 30 Jahre lang in Marburg lehrte und sich gemeinsam mit seinem Kollegen Hans von Soden in der NS-kritischen „bekennenden Kirche“ engagierte. Die berühmteste Studentin der Theologischen Fakultät ist Margot Käßmann, die einstige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nun ist sie Botschafterin für das 500-jährige Jubiläum der Reformation.

Die Alte Universität ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Wer die Alte Aula besichtigen möchte, kann eine Führung buchen unter Telefon 0 64 21/9 91 20.

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