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Auch die Zeitzeugin Isabel Langsdorf (vorne re.) verfolgte den Film über die Kindertransporte und über ihre Retterin Truus Wijsmuller gebannt. 

Vergangenheit

Neu-Isenburg: Zeitzeugin macht jüdische Geschichte für Goetheschüler sichtbar

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Goetheschüler treffen in Neu-Isenburg auf eine Zeitzeugin, die als Kind im Bertha-Pappenheim-Haus war:

Eine ganze Jahrgangsstufe der Goetheschule Neu-Isenburg lauscht gebannt den Worten einer schmächtigen alten Dame: Zusammen mit zwei niederländischen Filmautorinnen macht Isabel Langsdorf an diesem Vormittag jüdische Geschichte für die Abiturienten sichtbar und fühlbar. Truus Weijsmuller, eine Heldin, die bisher allen unbekannt war, hat die Seniorin vor 80 Jahren vor den Fängen der Nazis gerettet – und auch noch 10 000 andere jüdische Kinder.

Damals hieß Isabel Langsdorf noch Ilse Bauer und war ein kleines Mädchen, das die unverheiratete Mutter nach der Geburt im Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt zur Adoption freigab. Im Alter von zwei Wochen kam sie ins ehemalige Heim des Jüdischen Frauenbunds – das heutige Bertha-Pappenheim-Haus in der Zeppelinstraße in Neu-Isenburg. Zwei Jahre blieb sie dort, wurde dann am 13. November 1939 in die Niederlande gebracht, weil der Jüdische Frauenbund das kleine Mädchen zur Adoption an ein deutschstämmiges Ehepaar auf der niederländischen Antilleninsel Aruba vermittelt hatte.

Was danach geschah, erzählt ein Werk, das die niederländischen Dokumentarfilmerinnen Pamela Sturhoofd und Jessica van Tijn in dreijähriger Arbeit mit Zeitzeugen und auch mit Aufnahmen im Bertha-Pappenheim-Haus entstehen ließen: Der Film „Truus’ Children – Truus’ Kinder“ erzählt die Geschichte der Niederländerin Truus Weijsmuller, die von 1938 bis 1939 insgesamt 74 Transporte für rund 10 000 jüdische Kinder nach Großbritannien organisierte.

Ein Auszug des Films „Truus Children - Truus Kinder“ wird am Sonntag, 10. November, im Beisein zweier ehemaliger Bewohnerinnen des heutigen Bertha-Pappenheim-Hauses um 11.15 Uhr im Plenarsaal des Neu-Isenburger Rathauses, Hugenottenallee 53, gezeigt.

Die Uraufführung des 90-minütigen Dokument

arfilmes ist am 8. März 2020 in Amsterdam geplant. ann

Die Abiturienten der Goetheschule waren am Freitagvormittag die Ersten, die Teile des Dokumentarfilms zu sehen bekamen. „Der Film ist vorher noch nie gezeigt worden“, erklärte Geschichtslehrer Matthias Köberle, bevor die Jugendlichen in die Erinnerungen von 23 jüdischen Überlebenden und in Langsdorfs Geschichte eintauchten.

Dass die Filmemacherinnen überhaupt auf die heute 82-Jährige stießen, ist ein Verdienst der sozialen Medien. „Wir suchten verzweifelt nach Ilse Bauer“, sagte van Tijn. Sie veröffentlichten eine Suchmeldung auf Facebook, die von vielen Leuten geteilt wurde. Tatsächlich meldete sich dann eines Tages die Tochter, die den Hinweis gab, dass Ilse Bauer schon seit 1959 Isabel Langsdorf hieß. Und so wird jetzt die dramatische Geschichte der 82-jährigen Zeitzeugin öffentlich, die von Weijsmuller gerettet wurde und heute in den USA lebt.

Nach der Reichspogromnacht war Großbritannien das einzige Land, das jüdische Kinder bis zum Alter von 17 Jahren aufnahm. Und so schickte Weijsmuller die kleine Ilse zusammen mit vielen anderen Kindern auf einem Frachter, der Reis transportierte, dorthin. Kurz vor England lief das Schiff auf eine Mine. Das Mädchen wurde schwer verletzt, kam nach London ins Krankenhaus.

Nach Ilses Genesung ging es Anfang Mai 1940 zurück in die Niederlande zu Truus Weijsmuller, die erneut versuchte, die Kleine auf ein Schiff zu bringen. Einen Tag, bevor die Deutsche Wehrmacht in die Niederlande einmarschierte, war Ilse mit ihrer Retterin in Paris und wurde von ihr in einen Zug nach Lissabon gesetzt. Dort gelangte sie am 14. Mai 1940 auf das letzte Schiff, das auslief, und schließlich zu ihren Adoptiveltern auf Aruba.

Ob sie denn Angst habe, dass sich die Geschichte wiederhole, wollten die Goetheschüler nach der Filmvorführung von Langsdorf wissen. „Ja“, antwortete sie. „Im Moment gibt es in ganz Europa antisemitische Bewegungen. Ich sehe da eine Gefahr.“

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