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Ein Wunder wie Weihnachten

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Magier und Zauberer Harry Keaton
Magier und Zauberer Harry Keaton © rolf oeser

Der Dreieicher Zauberer Harry Keaton spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über magische Schneeflocken und andere Tricks.

Herr Keaton, viele Leute klagen im Advent über den Einkaufsstress in überfüllten Innenstädten. Als Magier kennen Sie dieses Problem sicherlich nicht. Sie zaubern heute Abend vor dem Weihnachtsbaum einfach ganz tolle Geschenke aus dem Hut und begeistern damit Ihre Familie?

Nein, so leicht geht das nicht (er lacht). Ich zaubere keine Geschenke aus dem Hut, sondern ich besorge sie ganz profan. Dabei habe ich aber keinen Stress. Den gibt es ja meistens nur, wenn überzogene Erwartungen dabei sind. Stress hat immer etwas mit der eigenen Person zu tun. Meistens entsteht der Stress durch die eigenen Wünsche und individuellen Vorstellungen. Auch wenn die Pfarrer das nicht gern hören, aber an Weihnachten inspiriert viele Menschen heute weniger die Geburt Jesu, sondern viele lassen sich von Gerüchen, von Musik, von Christstollen und Glühwein verzaubern. Ergreift Sie in diesen Tagen auch manchmal ein weihnachtlicher Zauber?

Ja, auf jeden Fall. Ich finde die Adventszeit schön. Dieses Gefühl beschränkt sich aber nicht nur auf Konsum und leckeres Essen, sondern es wäre schön, wenn man sich mit dem kulturellen und religiösen Hintergrund von Weihnachten beschäftigt und Fragen stellt wie: Was mache ich? Woher komme ich? Was habe ich für eine Aufgabe? Oder: Was ist meine Mission? Trotzdem finde ich Glühwein und Christstollen wunderbar.Heute Abend verhalten sich wieder ganz viele Menschen so wie Sie auf der Bühne. Sie servieren anderen Überraschungen, in diesem Fall schön verpackte. Was bedeutet Überraschung für Sie?

Das, was es für jeden bedeutet. Etwas womit ich nicht rechne, etwas das völlig anders ist, als das, was ich erwarte. Das kann mal groß oder mal klein sein. Die Gefahr bei der Überraschung ist das Ritual, wenn alles wiederholt. Es ist schön, dass Weihnachten jedes Jahr wieder kommt, doch man muss überlegen, ob man die Feiertage nicht anders gestaltet, diesmal jemanden anderen besucht, die Bescherung vielleicht zeitlich etwas verschiebt, mal in eine andere Kirchen geht oder man sich in diesem Jahr vielleicht mal nichts schenkt. Man kann das Fest doch so gestalten, dass man es immer wieder neu belebt. Das ist doch die eigentliche Überraschung. Heiligabend hat etwas Magisches. Wie bei Ihrer Zauberei gibt es staunende Gesichter. Sie lieben es, den Menschen ein Rätsel aufzugeben. Was fasziniert sie daran?

Es ist mehr als ein Rätsel, es ist Verzauberung. Als Magier vermittelte ich diese große Verwunderung, dieses Erstaunen. Ein Rätsel ist technisch. Das ist das Gerüst, aber nicht das Bauwerk. Mich fasziniert dieses Glücksgefühl, mit dem Zuschauer auf einer Welle zu schwimmen, diese große Gemeinschaft zu erleben. In diesem Moment vergisst jeder seine Nöte und Ängste und denkt, jetzt habe ich mich in einer großen Gruppe verzaubern lassen, ich war in einer anderen Welt. Das hat auch etwas von Weihnachten, wenn wir etwas gemeinsam erleben und teilen. Wenn die Zuschauer dann völlig losgelöst von sich selbst sind, das finde ich toll, dann bin ich eins mit dem Publikum. Magie verbindet über Grenzen hinweg.Manchmal reiben Sie bei einer Vorstellung die Hände – plötzlich werden aus Papiertaschentüchern Schneeflocken. Passiert das an Heiligabend bei den Keatons auch, oder kann die Familie solche Tricks nicht mehr sehen?

Ich zeige eigentlich sehr wenig in der Familie. Die Weihnachtszeit genieße ich, so wie ich meine Auftritte genieße. Doch an Heiligabend ist es gut, sich zurückzunehmen und nicht ständig im Mittelpunkt zu stehen. Das fällt Ihnen sicherlich nicht leicht, denn Sie sind ein Magier, der immer einen Trick in der Tasche hat?

Ja, natürlich. Schauen mal hier (er greift ins Jackett, nimmt zwei Gummiringe zwischen Zeigefinger und Daumen, holt die Kellnerin des Bistros herbei und zeigt, wie die gespannten Gummiringe sich plötzlich kreuzen, Staunen allenthalben). Man hört nie auf, ein Magier zu sein.

Sicherlich ist auch ein Magier manchmal wegen der Alltagsschwierigkeiten frustriert. Wünschen Sie sich, Sie könnten die Probleme wegzaubern? Leben Sie in manchmal zwei Welten?

Na ja, es verwischt sich so manches. Als Magier lernt man, Probleme zu lösen. Wie schaffe ich es, dass auf einmal Schneeflocken in der Luft sind? Frustriert bin ich im Alltag aber nicht. Die Welt ist eben so, wie sie ist. Funktioniert ein neuer Trick gleich von Anfang an? Oder müssen Sie viel tüfteln?

Das mit den Tricks ist nicht so, als ob man ein Auto kauft, und es fährt sofort los, sondern es ist wie bei einem Musikinstrument. Wenn man es hat, geht die Arbeit erst richtig los. Ich will dabei etwas Neues entwickeln und setze deswegen Dinge zusammen. Das hat auch etwas mit Erfindung zu tun. Diese Arbeit ist das Geheimnisvolle und Spannende an der Magie. Der Zauberer ist einerseits ein Tüftler, andererseits aber auch jemand, der bei einer Gruppe im Mittelpunkt steht und kommunikativ ist.

Lieben Sie mehr die großen Täuschungen mit vielen Geräten und Technik vor üppigem Bühnenbild oder eher die kleinen Close-up-Tricks?

Ich habe da keine Vorlieben. Am meisten liebe ich Sachen, bei denen ich viel selbst gestaltet habe. Bei der ganzen Arbeit mit der Zauberei darf man sich bloß nicht selbst kopieren oder andere nachmachen. Ich muss meine eigene Rolle finden und mich ständig weiterentwickeln. Nehmen wir beispielsweise das Zersingen von Glas. Da habe ich sehr viel Herzblut reingesteckt. Das ist wie ein Kind, das ihnen ans Herz wächst. Der Aufwand von Zeit ist auch ein Ausdruck von Liebe. Das passt zu Weihnachten. Schenken Sie jemandem Zeit?

Den Menschen, die ich gern habe. Ich fahre zwischen den Jahren zu meiner Schwester nach München. Dort besuche ich auch Freunde.

Und was finden Sie magisch?

Schneeflocken. Die haben eine faszinierende Struktur – und keine gleicht der anderen. Oder ein Grashalm, der durch eine Asphaltdecke wächst. Beides begeistert mich und erinnert mich an das Gefühl, als ich das erste Mal einen Zauberer gesehen habe. Das war eine Mischung aus Freude, Verzauberung, Staunen, Geheimnisvollem, Überraschung – kurzgesagt, wie ein Wunder, wie Weihnachten. Und wenn das noch alles völlig unerwartet mitten im Alltag passiert, dann ist die Verblüffung am größten. So kann es auch an Heiligabend sein. Ohne Erwartungen ist die Freude am schönsten.

Interview: Achim Ritz

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