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Ausstellung in Dreieich

Unheilige Nacht

Das Dreieich-Museum zeigt eine Schau zum liebsten Fest der Deutschen: "Von wegen Heilige Nacht" heißt sie und beschäftigt sich mit dem Weihnachtsfest in der politischen Propaganda.

Von Maurice Farrouh

Es weihnachtet im Dreieich-Museum. Pünktlich zum Beginn der Adventszeit eröffnet das ehemalige Kreis-Museum in Dreieichenhain eine neue Ausstellung zum liebsten Fest der Deutschen. „Von wegen Heilige Nacht“ heißt die Schau. Sie zeigt, wie das Weihnachtsfest im Laufe des vergangenen Jahrhunderts von der politischen Propaganda des jeweils herrschenden Systems ausgeschlachtet wurde – und wie das sogar unsere heutigen Weihnachtsbräuche verändert hat.

„Weihnachten ist ein christliches Fest, aber die politischen Systeme in Deutschland haben es stets nach ihrem Gusto verändert und instrumentalisiert“, sagt Museumsleiterin Corinna Molitor. Konzipiert und zusammengestellt haben die Ausstellung Rita und Judith Breuer. Auf die Idee waren Mutter und Tochter eher zufällig gekommen, als sie einen „Christbaum wie zu Großmutters Zeiten“ schmücken wollten. Bei ihrer Suche nach passendem Schmuck auf Flohmärkten stießen sie auf Fundstücke, die so gar nicht zu ihrem Bild von Weihnachten passen wollten – etwa Feldpostkarten von 1914 mit martialischen Motiven, Illustrationen von Kriegsspielzeug auf den Gabentischen oder Weihnachtskalender, die von „Bluterbe, Ahnen und Sinnzeichen“ erzählten. Seither sammeln die Frauen solche Stücke.

Die Schau ist in chronologische Kapitel gegliedert und beginnt mit Weihnachten im Ersten Weltkrieg. Zwischen in den Reichsfarben Schwarz, Weiß und Rot geschmückten Weihnachtsbäumen und Grußkarten mit Bomben darauf wird deutlich, dass die Kriegspropaganda des Kaiserreichs den Widerspruch zwischen Krieg und christlichem Glauben geschickt ins Gegenteil verkehrte: Der Waffendienst fürs Vaterland galt als selbstverständliche Christenpflicht. „Die hohe Bedeutung des Weihnachtsbaum als zentrales Element der Weihnachts-Deko, die uns heute selbstverständlich erscheint, hat ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg“, sagt Molitor. Weil die vielen tausend Soldaten in den Schützengräben kleine Bäume aufstellten und mit per Feldpost empfangenem Schmuck aus der Heimat verzierten, wurde der Baum zum Symbol des familiären Zusammenhalts. Für viele Soldaten waren die Weihnachtsfeiern im Schützengraben so einprägsam, dass sie den Brauch des Baumschmückens auch nach dem Krieg beibehielten.

Die Nationalsozialisten gingen bei der Instrumentalisierung von Weihnachten noch einen Schritt weiter als das Kaiserreich. Sie verboten christliche Symbole wie Kreuze oder Engel und ersetzten sie durch nordische Runen, Hakenkreuze und andere Symbole, die in ihre völkische Propaganda passten.

Weitere Abschnitte der Schau beleuchten originelle Auswüchse der Weihnachtsbräuche in den Trümmer- und Wirtschaftswunderjahren und zu Zeiten des Kalten Kriegs.

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