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Der STG-Vorsitzende Matthias Matthes und sein Stellvertreter Adrian Schrock (links) sind seit 2013 im Amt.

Dreieich

„Vereine müssen sich professionalisieren“

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Der Vorstand der Turngemeinde spricht im FR-Interview über junge Entscheider, Bauumlagen und die Fitnessstudio-Konkurrenz.

Herr Matthes, Herr Schrock, müssen Sie sich manchmal eigentlich immer noch anhören, dass Sie ja ganz schön jung für den Posten als Vereinsvorstand des ältesten Dreieicher Sportvereins sind?
Matthias Matthes: Das Alter ist ein Vorteil, man hat überall gleich Gesprächsstoff. Viele wundern sich, wie es gelungen sei, so junge Leute zu gewinnen. Ich sage dann immer, wir wurden nicht gewonnen, wir haben uns beworben.
Adrian Schrock: Ich bin als Sportler in den Verein gekommen, dann Trainer geworden und habe hier mein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Als es den Wechsel im Vorstand gab, hat Matthias mich angesprochen. Mich hat gereizt, dass man einiges bewegen kann.

Wie voll ist es bei Ihnen denn so am Jahresanfang? Da rafft sich doch der eine oder andere auf.
Schrock: Zum Jahresende gibt es immer eine Kündigungswelle, weil man im Verein nur dann kündigen kann. Seit Januar geht es wieder Stück um Stück nach oben. Das ist aber jedes Jahr so.
Matthes: Es gibt aber keine größere Fluktuation. Wenn die neuen Räume fertig sind, rechnen wir aber mit einem großen Aufschwung. Man merkt das, wenn sich mal neue Leute unsere alte Halle anschauen. Die fanden sie schon ganz schön gruselig. Das war für uns auch ein Ansporn für den Neubau.

Das ist schon ein großer Brocken für einen gemeinnützigen Sportverein, oder?
Schrock: Ja, deshalb versuchen wir, auch die Mitglieder mit Eigenleistungen einzubinden. Vor fast genau einem Jahr haben wir begonnen. Der Verein hat die Halle selbst ausgeräumt, bevor sie im Frühjahr abgebrochen wurde.
Wie lief es seither?
Matthes: Leider gab es wegen eines Architektenwechsels einen längeren Stillstand. Bei Architekten geht es oft um Kosten. Da gab es viele Missverständnisse. Wir haben einfach nicht zusammengepasst. So ist das manchmal bei einer Geschäftspartnerschaft. Bauen im Bestand ist eben eine besondere Geschichte. Im Verein ist das auch noch mal anders als bei einem Investor. Der weiß genau, was er investieren kann. Wir hingegen sind auf unsere Mitglieder angewiesen. Wir haben deshalb eine Umlage für den Bau erhoben.

Da war vermutlich nicht jedes Mitglied begeistert. Hatten Sie auch negative Reaktionen?
Matthes: Es gab schon den einen oder anderen, der das nicht mittragen wollte. Als Argument bei einer Kündigung wird das aber kaum genannt.
Schrock: Die Umlage ist ja überschaubar. Wir haben schließlich versucht, das unseren Mitgliedern auch zu erklären. Überrascht hat es kaum einen.
Matthes: Wir sind ja ein Verein, da kann man auch beantragen, sich von der Bauumlage befreien zu lassen. Das ist ein Angebot für finanziell schwache Mitglieder.

Sie erwarten von Ihren Mitgliedern aber, dass sie mit anpacken.
Matthes: Das sind aber nur drei Stunden im Jahr. Man kann stattdessen auch einen Kuchen backen oder am Jahresende 30 Euro zahlen.
Schrock: Alle, die bisher bei den Einsätzen dabei waren, fanden es cool. Und so schauen sich die Leute auch mal an, wo und wie sich der Verein engagiert. Das war ein Hauptgrund, warum wir es eingeführt haben.

Wo sehen Sie denn den Unterschied zwischen Ihrem Verein und einem Fitnessstudio?
Schrock: Wir wollen Sport zu einem günstigen Preis anbieten. Bei uns gibt es keine Extrazahlungen für Zusatzangebote. Zehn Euro im Monat sind im Vergleich zu einem Fitnessstudio ja ein Witz. Sportvereine bieten für jede Gruppe etwas an, das bringt auch die Gesellschaft zusammen.
Matthes: Wir haben aber auch viele Mitglieder, die parallel in einem Fitnessstudio sind. Ein Argument, zu uns zu kommen, ist, dass wir familiärer sind und man bei uns nicht alleine ist. Wenn die Leute aus unseren Fitnesskursen kommen, sind sie ausgepowert und glücklich. Wir haben ja auch viel mehr zu bieten: den kompletten Fitnessbereich. Wenn wir die Räume hätten, würden wir aber gerne eigene Geräte aufstellen.

Die Frankfurter TG Bornheim ist innerhalb weniger Jahre vom kleinen Frankfurter Stadtteilverein zum größten Verein Hessens aufgestiegen. Ist das ein Vorbild?
Matthes: Auf jeden Fall! Die haben ein beeindruckendes Konzept. Die TG setzt ja bewusst auf Breitensport. Auch wir stellen fest, dass dies das Gefragteste ist. In der Turnsparte wollen wir aber auch den Leistungssport pflegen.
Schrock: Wir haben ein starkes Kinder- und Jugendangebot, aber dann gibt es so zwischen 18 und 30 Jahren einen Knick. Dann kommt wieder das klassische „Mittelalter“ bis hin zum Seniorensport.
Matthes: Wir haben sogar einen Musikzug, der früher eigene Schallplatten aufgenommen hat. Damit sind wir natürlich bei jedem städtischen Fest prominent vertreten. Sie spielen auch auf unserer Weihnachtsfeier. Das ist doch was ganz anderes als Musik vom Band.

Muss man da nicht aufpassen, dass das Image des Vereins zu altbacken ist?
Matthes: Überhaupt nicht. Wir greifen die neuesten Trends auf. Da ist nichts angestaubt. Ich glaube, wir sind sehr frisch und dynamisch.
Schrock: Wir versuchen auch immer mal wieder etwas Neues. Gut angekommen ist zum Beispiel der Kurztanzkurs nach Weihnachten. Vergangenes Jahr gab es eine Kite-Freizeit in Holland, die wir wegen des großen Interesses jetzt wieder anbieten wollen. Auch eine Skifreizeit wollen wir wieder organisieren. Jetzt müssen wir aber erst mal unsere Halle fertigstellen.
Matthes: Wir werden auch verstärkt sportübergreifende Veranstaltungen wie Feste und Freizeiten anbieten. Tanzen gab es bisher bei uns nicht. Zu diesem Kurs kamen jetzt auch Leute von außen.

Was sagen denn Ihre Amtsvorgänger dazu?
Matthes: Wir hatten immer ihre Unterstützung. Das Verhältnis ist sehr gut. Gerade viele ältere Mitglieder ermutigen und unterstützen uns. Leider ist es wie in vielen anderen Vereinen oder auch Parteien schwierig, jüngere Leute ins Ehrenamt zu bringen. Da gibt es viel Konkurrenz, auch von Fitnessstudios und anderen Vereinen. Da ist es schwierig, die Leute an sich zu binden.

Was glauben Sie, wie es in den kommenden Jahren weitergeht? Ist Vereinssport ein Auslaufmodell?
Matthes: Im Gegenteil! Ich glaube, der Trend zum Individualsport wird wieder zu Ende gehen. Gemeinsam trainieren, das hat Zukunft. Aber man muss sich als Verein auch professionalisieren. Wir werden künftig mehr auf Hauptamtliche setzen und wollen das im Vorstand konsequent weiterentwickeln. Das ist ein großer Vorteil für die Ehrenamtlichen, weil es sie entlastet.
Schrock: Zufriedene Mitglieder schaffen neue Mitglieder. Mundpropaganda ist da ganz entscheidend. Sehr gut angenommen wird unsere Mitgliedskarte, mit der man in Geschäften STG-Rabatte erhält. Das ist eine gute Werbung.
Matthes: Das kriegst Du in keinem Fitnessstudio.

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