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Kabarettprobe

Dietzenbach

Training fürs Leben

Sechs Mädchen basteln mit Reiner Wagner an einem Kabarettprogramm. Dabei geht es um Spaß, aber auch harte Arbeit.

Von Anne Jäger

"Bist Du gut zu Vögeln?“ „Ja, ich füttere sie gerne.“ „Womit?“ „Wie, womit?“ „Mit Vögelfutter.“ „Vogelfüttern.“

Den Blick starr geradeaus gerichtet, schauen Sevilay Delifer und Ezgi Virit in den noch leeren Saal des Dietzenbacher Theaters „Schöne Aussichten“ auf dem Wingertsberg. Für ein integratives Kabarett-Projekt proben die 14-Jährigen und vier weitere junge Frauen mit türkischem und marokkanischem Hintergrund einmal in der Woche mit Theaterleiter Reiner Wagner. Der Schlagabtausch à la Bully-Parade soll Sexualität und Beziehungen thematisieren. Ein anderes Stück behandelt den Konsumterror durch Werbeslogans, die einen von morgens bis abends umschwirren.

Es sind Themen, die Sevilay und Ezgi beschäftigen. „Wir sitzen oft zusammen und reden, so finden wir die Themen“, erzählt Wagner. Sevilay und Ezgi sind türkischer Abstammung, leben seit ihrer Geburt in Deutschland – und genauso lange kennen sie sich. Im Februar tragen sie die eingeübten Stücke vor Publikum vor, zu dem auch Freunde und die Familien der beiden zählen werden. Vor den Eltern über „Vögeln“ reden? Beide lachen. Während Ezgi darauf plädiert, ihr Vater verstehe das sowieso nicht, sagt Sevilay, „am Ende wird es ja eh aufgelöst.“

Das integrative Kabarett-Projekt ist Teil des Programms „Stärken vor Ort“. Die Gruppe kennt sich aus dem Jugendzentrum, Mitarbeiter machten die Mädchen auf das Projekt aufmerksam. Seit Anfang April feilt die Gruppe an den Stücken, seit der Eröffnung im Oktober auf der Bühne des Theaters „Schöne Aussichten“. Sevilay hat in der vierten Klasse mal in einer Rotkäppchen- Aufführung ihrer Schule mitgespielt, Ezgi wollte sogar Schauspielerin von Beruf werden. Momentan ist sie sich darüber nicht mehr sicher. „Ich dachte man geht auf die Bühne und macht einfach, aber das ist harte Arbeit“, sagt sie, „aber Spaß macht es schon.“ Jeden Abend vor dem Schlafengehen lese sie die Texte durch, um sie auswendig zu lernen.

Mutig auf die Bühne

Viele wüssten nicht, wie viel harte Arbeit hinter der Schauspielerei stecke, sagt Reiner Wagner. „Dafür ist die Bühnenarbeit Training fürs Leben. Die Mädchen lernen Präsenz, Körpersprache, korrekte Aussprache und Artikulation sowie Teamfähigkeit“, sagt Wagner. Außerdem stärke die Schauspielerei das Selbstbewusstsein, was er an den Veränderungen der Mädchen sehe. „Man braucht Mut“, ergänzt Ezgi. Sevilay und Ezgi besuchen die siebte und achte Klasse der Heinrich-Mann-Schule. Sevilay strebt eine Ausbildung zur Bankkauffrau an. In einer Pause, während sich Wagner um die Tontechnik kümmert, erzählt Sevilay von Bewerbungen um einen Praktikumsplatz. Aber auch das geklaute Handy und Lieblingslieder gehören zum kurzen Plausch zwischendurch.

Zum Repertoire der Gruppe zählen nicht nur Kabarettstücke und selbst verfasste Gedichte. Die 17-jährige Yasmina Elhattachi singt ein Lied von R&B-Sängerin Beyoncé Knowles. Ihre Stimme ist klar und verständlich – obwohl der Text in Englisch ist. Yasmina macht bald Abitur und möchte eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation und Fremdsprachenkorrespondentin für die englische Sprache werden. Gerne kommt sie auf den Wingertsberg – „hier habe ich die Möglichkeit, zu singen.“

www.reinerbloedsinn.de

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