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Wahlsieger Martin Burlon (l.) nimmt die Glückwünsche von Bürgermeister Zimmer entgegen.

Dreieich

"Wechselnde Mehrheiten haben sich bewährt"

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Der künftige Bürgermeister Martin Burlon spricht im FR-Interview über seinen Wahlerfolg, Regieren ohne feste Koalitionen und das gescheiterte Lettkaut-Projekt.

Martin Burlon hat mit seinem überlegenen Wahlsieg für eine faustdicke Überraschung bei der Bürgermeisterwahl am Sonntag gesorgt. Geholfen hat dem 43-jährigen Juristen, der einen Job beim Zoll in Hamburg für den Posten des Ersten Stadtrats in Dreieich 2010 sausen ließ, seine lange kommunalpolitische Erfahrung. Aber auch der Umstand, dass seine Familie in der Stadt verwurzelt und der Name Marmor-Burlon vielen Menschen ein Begriff ist. Der Großvater hatte die Natursteinbearbeitung in Sprendlingen aufgebaut.

Tut Ihnen die CDU Dreieich leid?
Welchen Hintergrund hat Ihre Frage?

Die CDU hat Sie als Ersten Stadtrat in Dreieich gewollt und Sie 2009 gewählt und damit populär gemacht.
Das ist richtig. Und das habe ich auch nicht vergessen. Aber für die Bürgermeisterwahl hatte sich die CDU nicht für mich, sondern für Bettina Schmitt als Kandidatin entschieden. Im Wahlkampf streitet dann halt jeder für seine Person. Das ist auch in Ordnung so.

Hatten Sie damit gerechnet, auf Anhieb mit fast 60 Prozent der Stimmen gewählt zu werden?
Nein. Vor allem nicht, weil es zwei weitere Bewerber und mit Frau Schmitt eine Kandidatin einer großen Partei gab. Aber gehofft hatte ich schon, dass es vielleicht mit 50 Prozent plus einer Stimme am Sonntag enden könnte.

Worauf führen Sie Ihren Erfolg zurück?
Ich habe in den vergangenen Jahren als parteiungebundener Erster Stadtrat mit vielen Menschen, Vereinen und Institutionen sehr transparent und offen zusammengearbeitet. Ich glaube, dass man mich kennt und meine Arbeit schätzt. Hinzu kommt, dass es in der Bevölkerung und in allen parteipolitischen Gruppierungen Rückhalt gab.

Werden Sie die Politik von Bürgermeister Dieter Zimmer (SPD) fortführen ?
Ich werde sicher auch eigene Akzente setzen. Das steht schon in meinem Wahlprogramm. Ich möchte aber auch festhalten, weil es im Wahlkampf gerne untergeht: Was in den letzten Jahren von Magistrat und Bürgermeister gemacht wurde, war nicht alles falsch. Das meiste ist richtig gemacht worden. Von daher gilt es, Bewährtes fortzuführen, aber auch eigene Schwerpunkte zu setzen.

Zum Beispiel?
Das Thema Kinderbetreuung ist nicht neu. Aber da muss ein Bürgermeister vorneweg gehen. Das Thema Mobilität ist mir sehr wichtig. Das habe ich in der Vergangenheit als zuständiger Dezernent bereits vorangebracht. Besonders am Herzen liegt mir das Thema schienengebundener ÖPNV. Da geht es zum Beispiel um eine Dreieichbahn-Attraktivierung oder eine mögliche Straßenbahn-Verlängerung von Frankfurt bis nach Dreieich. Das Thema geförderter Wohnraum ist schon angestoßen. Aber jetzt gilt es, Projekte auch zu realisieren.

Sie übernehmen das Amt in schwierigen Zeiten. Die Gewerbesteuer hat sich auf 20 Millionen Euro halbiert, und es ist keine Besserung in Sicht. Müssen Sie jetzt den Sparkommissar machen, Steuern erhöhen und Angebote streichen?
Ich war auch schon in den vergangenen acht Jahren einer der Sparkommissare, als es darum ging, die Schulden der Stadt mehr als zu halbieren. Auch künftig wird es weiter darum gehen, seriös und mit Augenmaß zu wirtschaften, um die Stadt vor einer Verschuldung, wie wir sie schon einmal hatten, zu bewahren.

Kommt eine Grundsteuererhöhung?
Ich kann es nicht ausschließen. Alles andere wäre nicht seriös, weil niemand weiß, was in nächster Zeit an Belastungen auf uns zukommt und ob diese durch sparen aufgefangen werden können.

In Dreieich gibt es seit Jahren keine festen Koalitionen. Macht das das Regieren schwieriger?
Es ist aufwendiger und vielleicht manchmal auch schwieriger. Aber es führt meiner Meinung nach in der Sache zu besseren und nachhaltigeren Ergebnissen. Denn jeder, der Verantwortung trägt, ob Bürgermeister, Erster Stadtrat oder Fraktion, muss sich für seine Themen Mehrheiten suchen. Das heißt, er muss in der Sache argumentieren, er muss überzeugen und andere für seine Ideen gewinnen.

Hat es in Dreieich funktioniert?
Ja. Wir hatten einen harten Konsolidierungskurs mit wechselnden Mehrheiten. Wir haben den Schutzschirm erfolgreich bestritten. Und wir haben jedes Jahr frühzeitig genehmigte Haushalte gehabt. Von daher hat es sich in Dreieich bewährt. Von mir aus können wir das gerne fortführen.

Sie haben als Erster Stadtrat Mitverantwortung für das gescheiterte Prestigeobjekt Bildungs- und Sportcampus in der Lettkaut getragen, gegen das es starken Widerstand gab. Warum haben Sie erst kurz vor der Bürgermeisterwahl und nicht schon früher mitgeteilt, dass Sie die Kündigungen der Kleingärtner nicht unterschrieben haben?
Weil es zunehmend hieß, ich hätte auch die Kündigungen persönlich mitzuverantworten. Das stimmte aber nicht. Das wollte ich klarstellen. Zu dem Projekt als solchem habe ich aber immer gestanden. Da rede ich mich nicht raus.

Interview: Agnes Schönberger

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