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Rainer Engelhardt (SPD).

Bürgermeisterwahl

Vier für Dietzenbach

Drei Männer und eine Frau wollen bei der Bürgermeisterwahl am 27. September den CDU-Mann Stephan Gieseler beerben. Wir stellen sie vor. Von Christoph Manus

Der Kämpfer: Rainer Engelhardt (SPD) will ein Gegengewicht zur CDU

Dass Rainer Engelhardt für die SPD Bürgermeister von Dietzenbach werden will, hat auch mit Gerhard Schröder zu tun. Dieser habe 1998 versprochen, homosexuelle Lebenspartnerschaften zu ermöglichen. "Wenn er das macht, tret’ ich in die SPD ein", habe er sich gesagt, erinnert sich der 49-Jährige und zündet sich die nächste Philip Morris an. 2001 trat das Gesetz in Kraft, Engelhardt wurde am 12. Dezember des Jahres im Dietzenbacher Trauzimmer zum eingetragenen Lebenspartner von Hans Schmidt, einem gelernten Hotelkaufmann, mit dem er seit 29 Jahren zusammen ist.

Vor 20 Jahren ist der gebürtige Kasseler, der für einen internationalen Konzern ein Produkt zur Absicherung von Unternehmensleitern gegen Fehlverhalten vertreibt, nach Dietzenbach gezogen, erst in die Kronberger Straße. Nun leben sie samt Jack-Russel Mini (7) in einer auf zwei Etagen verteilten Neubauwohnung in Nähe des Hessentags-parks mit Kamin, hellblauen Wänden und Kandinsky.

"Sie haben Post", tönt es aus dem Notebook, das auf dem Wohnzimmertisch steht, das Handy klingelt. Schmidt ist mit dem roten Auto, das für Engelhardt wirbt, unterwegs. Er sei voll in den Wahlkampf eingespannt. Eine Woche arbeitet Engelhardt noch, dann will er sich ganz auf den Wahlkampf konzentrieren. Und auch mal ausschlafen. Derzeit seien mehr als drei, vier Stunden kaum drin.

Bleibt Zeit für Hobbys? "No Sports", sagt Engelhardt. Sein Hobby sei die Politik. Aktiv geworden ist Engelhardt, der aus einer sozialdemokratischen Familie stammt und sich innerhalb der Partei mitte-links verortet, als 2001 Stephan Gieseler überraschend Bürgermeister geworden war. "Das hat mich so aufgeregt", sagt er. Noch im selben Jahr ist er stellvertretender Vorsitzender der einst in Dietzenbach dominierenden Partei geworden, 2004 deren Vorsitzender. Seit drei Jahren ist er im Magistrat, setzte sich in einer Kampfabstimmung gegen zwei Parteimitglieder durch. Nun kandidiert er als Bürgermeister.

Unumstritten ist er nicht, das weiß Engelhardt. Er muss kämpfen. In seiner Amtszeit hat sich die SPD-Fraktion gespalten. Fünf Abweichler gründeten 2007 die UDS-Fraktion - vor allem wegen persönlicher Differenzen. Dass ihm das nun schade, glaubt Engelhardt allerdings nicht.

Sein Antrieb? Er habe erlebt, wie die CDU unter dem Partei- und bis vor wenigen Wochen auch Fraktionsvorsitzenden Helmut Butterweck verstanden habe, die Stadt immer mehr in den Griff zu kriegen, sagt er. Da müsse ein Gegengewicht her.

Der Erfahrene: Lothar Niemann (Grüne) tritt als Unabhängiger an

An Weintrauben vorbei, die an der Fassade wachsen, geht es zwei Stockwerke hinauf in einen ausgebauten Dachstuhl. Ein riesiger Tisch, mehr als mannshohe Topfpflanzen. "Mein Schulungsraum", sagt Lothar Niemann, ganz in Schwarz. Noch hilft er als Geschäftsführer einer Gesellschaft zur Behebung von Dyskalkulie (Rechenschwäche) und Lernschwäche Schülern. Bald will er der Stadt Dietzenbach helfen, die Finanzen ins Lot zu bringen, wie er auf seinen Wahlplakaten verspricht.

Das Haus an der Frankfurter Straße hat er zum Passivhaus umgebaut. Vier Jahre lang hat er sich beruflich mit dem Bau und Vertrieb solcher Häuser mit geringem Energieverbrauch beschäftigt. Er mache im Haus fast alles selbst, sagt der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtparlament, der bei der Bürgermeisterwahl als Unabhängiger antritt. Auch Wasser, Gas, Heizung, Strom. Unten hat Frank Kaufmann, der Landtagsabgeordnete, eine Wohnung und sein Wahlkreisbüro. Niemanns Lebensgefährtin wohnt in Darmstadt. "Eine ziemliche Fahrerei."

Wie die drei anderen Kandidaten ist Niemann zugezogen, aufgewachsen ist er in Unterfranken - in Dettingen am Main. Unter ihnen ist der 61-Jährige, der drei Kinder und zwei Enkelkinder hat, allerdings am längsten in der Kreisstadt. "Die Dietzenbacher haben mich schon adoptiert", glaubt er. Kurz vor dem Diplom hat es den späteren Studienrat in Mathematik und Physik dort hin verschlagen. Seine damalige Frau bekam im Ort eine Stelle als Grundschullehrerin.

Die Hochhäuser im östlichen Spessartviertel, für deren Abriss oder Teilabriss Niemann seit Jahren kämpft, waren 1975 gerade fertig. "Wir haben schon überlegt, ob wir eine Wohnung kaufen", sagt Niemann. Doch gerade einmal zehn bis 15 Prozent seien vermarktet, die Nebenkosten entsprechend hoch gewesen. So ging es erst in die Wilhelm-Leuschner-Straße, dann in das alte Haus, das zu kaufen, sie sich damals leisten konnten.

Niemann betont gern seine politische Erfahrung. Die Dietzenbacher Grünen hat er 1980 gegründet, war im Kreistag und von 1989 bis 1995 Erster Stadtrat, zuständig unter anderem für Bau, Planung, Finanzen, hat als Bürgermeister kandidiert, immerhin 23,7 Prozent geholt. "Probleme sind da, gelöst zu werden", sagt Niemann. Ehrgeizig wirkt er, auf manchen fast getrieben. Drei Geschwister seien sie gewesen, vom Alter her eng beieinander. "Da wurde immer gekämpft, wer Recht hat."

Dass er noch einmal antrete, sei aber vom Himmel gefallen. "Ich muss es wohl selber machen", habe er gedacht, als Gieseler seinen Abschied bekanntgab.

Die Etablierte: Kornelia Butterweck (CDU) pflegt den Teamgeist

Zu Butterwecks? Hinter den Garagen rechts, rät eine Nachbarin und tröstet: "Das fragen viele." Aufs Türklingeln schießt erstmal ein kleiner Hund hervor. "Honey" stellt Kornelia Butterweck in weißer Bluse und beiger Hose den Jack-Russel-Terrier vor. Im Wohnzimmer steht ein Klavier, aus der hellen Sitzgarnitur blickt man auf ein Tischchen, das ein Foto des politisch einflussreichsten Dietzenbacher Paares ziert: sie Stadtverordnetenvorsteherin und Bürgermeisterkandidatin, ihr Mann Helmut CDU-Partei- und bis vor wenigen Wochen auch Fraktionsvorsitzender.

An einem Rosenmontag haben sie sich kennengelernt, 1975 in Volkmarsen, einer katholischen Enklave ganz im Norden Hessens, und danach nicht mehr aus den Augen verloren. 1985 sind sie mit ihren inzwischen erwachsenen Söhnen Stephan und Christian, beide CDU-Mitglied, in das damals gerade fertiggewordene Haus in Steinberg gezogen. Später hat ein weiterer nicht unbekannter CDU-Politiker, damals noch Rechtsreferendar, in der Einliegerwohnung des Hauses gelebt - Stephan Gieseler. Als Unterstützer des jungen Bürgermeisterkandidaten seien sie 1999 in die Partei eingetreten. Sie ließ sich auf die Liste für die Kommunalwahl 2001 setzen, kam als erste Nachrückerin im selben Jahr ins Parlament, wurde 2006 zu dessen Vorsteherin gewählt, ist auch im Runden Tisch und im Arbeitskreis Integration aktiv.

Lang sind die beiden 1978 nach Dietzenbach Gezogenen noch nicht in der Dietzenbacher Kommunalpolitik aktiv. Dennoch gibt es längst das Wort von der Butterweck-City.

"Es gibt einen Neidfaktor", sagt Kornelia Butterweck, die nach den Abitur erst als Fremdsprachensekretärin arbeitete, inzwischen als Pharmareferentin Praxen und Kliniken von Wiesbaden bis Bad Homburg und Langen ansteuert. Man solle doch froh sein, wenn Leute sich so engagieren, sagt die 53-Jährige. Es könne aber sein, dass sich ihr Mann politisch weiter zurückzieht.

Dass es Spannungen, ja Kämpfe zwischen den starken Männern der Dietzenbacher CDU, Gieseler und ihrem Mann, gegeben hat, räumt die aus einer CDU-geprägten Unternehmerfamilie Stammende ein. Ihr Verhältnis zu Gieseler bezeichnet sie weiter als freundschaftlich. Er unterstütze sie auch im Wahlkampf, sei beim Auftritt mit Ministerpräsident Roland Koch dabei gewesen, habe etwas für ihre Broschüre geschrieben. Als Bürgermeisterin wolle sie aber einen anderen Stil pflegen als Gieseler, kommunikativer vor allem. Sie sei ein Teammensch, wolle auf die Menschen zugehen.

Der Quereinsteiger: Jürgen Rogg (parteilos) will kein Parteisoldat sein

"Gut für Dietzenbach" wirbt Rainer Engelhardt, "für Dietzenbach einfach besser" will Kornelia Butterweck sein. "Am besten für Dietzenbach" steht auf Jürgen Roggs Plakaten. "Ich hab´ die anderen Plakate eben schon gekannt", sagt der parteilose Bürgermeisterkandidat. Da habe sich das angeboten, schmunzelt er. Er muss aufholen, das weiß der 47-Jährige. Zwei Parteivorsitzende und die Stadtverordentenvorsteherin sind seine Konkurrenten. "Und ich war bisher politisch nicht so bekannt."

Also gehe es von einem Termin zum nächsten. Im Büro ist der Unternehmensberater, der andere Betriebe etwa nach Fusionen oder in der Prozesseoptimierung unterstützt, nur noch einmal die Woche. Große Auftritte werde es in seinem Wahlkampf nicht geben. Er setze vor allem auf Einzelgespräche, seine Bürgergespräche, hat aber etwa auch eine Unterstützergruppe im sozialen Netzwerk Wer-kennt-wen. Vor dem am Hang gelegenen Haus in der Siedlung Hexenberg, in dem er mit seiner Frau Sabine, die eine Mode-Boutique in der Altstadt hat, und Tochter Joana (11) lebt, steht ein mit Rogg-Werbung beklebter weißer Kleinwagen. "Vom Nachbarn", sagt Rogg, der sich mit Fahrradfahren und Squash fit hält und seit vielen Jahren im Verein Hunde ausbildet, selbst zwei Schäferhunde hat. Er habe viele Unterstützer, sagt Rogg. Manche könnten allerdings nicht offen zu ihm stehen. Etwa Mitglieder der CDU-Fraktion.

Dass er weniger Erfahrung mit politischer Arbeit hat als seine Mitbewerber, könne auch ein Vorteil sein, glaubt Rogg, der mit hochgekrempelten Ärmeln am Holztisch mit Blick auf die Terrasse sitzt. "Wenn ich von außen komme, habe ich keine vorgefertigte Meinung." Warum hole man sonst Berater? Der klassische Parteisoldat habe er ohnehin nie sein wollen. Was in der Politik oft fehle, sei Kreativität.

Alles hätte glatt laufen können für Rogg, der - in Würzburg geboren - über den älteren Bruder zur Jungen Union kam, aber erst 2002 nach einem Gespräch mit Klaus Lippold in die Dietzenbacher CDU eintrat, deren stellvertretender Vorsitzender er im selben Jahr wurde. Stephan Gieseler habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, in die Berufspolitik zu gehen.

Damals sei es noch um den vakanten Posten des Ersten Stadtrats gegangen. Doch alles kam anders. Der Kreis um Helmut Butterweck innerhalb der Dietzenbacher CDU setzte seine Kandidaten durch: Erster Stadtrat wurde Dietmar Kolmer, Bürgermeisterkandidatin in einer Kampfabstimmung Kornelia Butterweck, Rogg trat aus der CDU aus.

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