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Die Reiterruhe im Herrenröther Wald.

Langen

Spaziergang zu Grenzsteinen

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Wilhelm Ott ist Experte für Gedenksteine kümmert sich ehrenamtlich um die steinernen Geschichtszeugnissen in der Koberstadt. Dazu gehören auch regelmäßige Führungen, die mitunter zu historischen Zeitreisen werden.

Bei jedem Schritt knirscht und raschelt es, der Waldboden ist von Laub bedeckt. Ein leicht modriger Pilzgeruch liegt in der Luft. Doch Pilze sind es nicht, was Wilhelm Ott sucht, auch wenn sein Blick den Boden abtastet. Am Wegrand wird er fündig: Nur wenige Zentimeter ragt er noch aus dem Boden hervor, der rund 300 Jahre alte Grenzstein. Ott markiert mit Kreide das kaum noch zu sehende Zeichen auf dem Stein. „LG“ ist so zu sehen, doch da sei dem Steinmetz seinerzeit ein Fehler unterlaufen: „Statt G müsste es eine Sechs sein, da dies der sechste Stein der Langener Gemarkung ist.“

Ott ist ehrenamtlicher Grenzsteinobmann des Hessischen Landesamtes für Bodenmanagement und Geoinformation für den Westkreis Offenbach und führt rund 20 Teilnehmer zu den steinernen Zeugnissen der Territorialgeschichte. In der nördlichen Koberstadt ist er mit ihnen unterwegs, jenem Waldstück südlich der B 486 in der Nähe der Abfahrt Dreieichenhain. Drei Herrschaften teilten sich einst das Gebiet: Die Herren von Isenburg, Darmstadt und Hanau. „Wir können noch heute am Verlauf der Schneisen die ehemaligen Territorialgrenzen erkennen“, sagt Ott, so sei der Dammweg etwa die alte Grenze zwischen Hanau und Isenburg.

Suche auf alten Flurkarten

Als Obmann arbeitet er nicht nur unter freiem Himmel, oft sucht er in Archiven auf alten Flurkarten nach Hinweisen, wo Steine einst standen. In der Natur ist sein wichtigstes Werkzeug ein GPS-Gerät. Mit dessen Hilfe erfasst er die Steine, doch immer wieder muss er einige Schritte an der angegeben Stelle vor- und zurückgehen. Die Teilnehmer der Grenzsteinwanderung suchen mit, das dichte Laub erschwert die Suche.

Oft stellt sich ein vermeintlicher Fund als bemooster Baumstumpf heraus, dann endlich findet eine Teilnehmerin den völlig mit Moos bewachsenen Stein. Mit einer Bürste legt der Sprendlinger Ott die Inschrift frei. Der Stein ist umgefallen, wohl durch ein Forstfahrzeug. „Vom Fahrerraum aus sind die Steine nicht zu erkennen und einmal umgefahren, verschwinden die Steine fast gänzlich im Boden“, sagt Ott. Auch werden viele Steine gestohlen, ein Umstand, der den pensionierten Chemiker erzürnt: „Der Standort ist die Seele des Grenzsteins, nur dort ist er ein Zeitdokument. In einem Vorgarten aufgestellt, ist es bloß ein Stein.“ Immer wieder muss er während der Wanderung feststellen, dass Steine fehlen.

„Früher wurden Grenzwanderungen jährlich abgehalten“, erklärt Ott, „ganze Dörfer kontrollierten, ob die Steine noch standen. Kinder, die dabei waren, sollen bei jedem Stein eine Ohrfeige erhalten haben, damit sie sich den Standort besser einprägen.“ Das, so sagt eine Teilnehmerin, gebe es auch heute noch im Marburger Land, allerdings eher in Form eine Dorffestes.

Viele Steine wurden gestohlen

„Heute sind wir viel aufmerksamer, was diese historischen Zeugnisse anbelangt. Das war nicht immer so“, weiß Bruno Otterbein während der Wanderung zu berichten. 1966 sah er einen Grenzstein auf einer Abraumhalde liegen, erzählt der Langener. „Da der zerstört worden wäre, bin ich mit meinem Sohn hingefahren, habe Bretter ans Auto gelegt und wir haben ihn mit Seilen hineingeschafft“, sagt Otterbein. Er meldete es bei Ämtern, doch nie erhielt er Rückmeldung, erst viele Jahre später konnte der Stein am Alten Rathaus Langen ausgestellt werden. „Ich sehe immer mal nach, ob er noch da ist, denn mit unserer Geschichte sollten wir achtsam umgehen“ , sagt Otterbein.

Eine Internetseite rund um die Grenzsteine hat Ott unter www.steine-in-der-dreieich.de eingerichtet. Nicht zuzuordnende Grenzsteine sind im Lapidarium des Staatlichen Forstamtes Langen ausgestellt.

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