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Shakespeare mit Fingerpuppen

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Theaterkreis Neu-Isenburg
Theaterkreis Neu-Isenburg © Renate Hoyer

Der Theaterkreis Neu-Isenburg feiert seinen zehnten Geburtstag. Die Mitglieder besuchen nicht nur Aufführungen, sondern laden sich selbst Intendanten, Schauspielern, Dramaturgen und Bühnenbildner zum Gespräch ein.

Von Anne Jäger

Claudio ist verlobt mit Leonatos Tochter Hero. Don Juan, der Halbbruder von Don Pedro, will aber die Hochzeit verhindern und inszeniert eine Liebesszene zwischen seinem Begleiter Borachio und Heros Zofe Margaret, die Heros Kleidung trägt. So denken Claudio und Don Pedro, Hero sei untreu und die Hochzeit gerät in Gefahr. Wem dieser kurze Einstieg in Shakespeares Komödie „Viel Lärm um nichts“ noch nicht verwirrend genug war – in dem Stück spielen ebenso noch Leonatos Bruder, sein Diener, ein Mönch und einige andere mehr mit. Wird das Stück aber nur von drei Schauspielern aufgeführt, die ihre Rollen durch unterschiedliche Sprechweisen, Körperhaltung und Accessoires verkörpern, kann das so manchen Zuschauer in die Irre führen. Nicht jedoch die Mitglieder des Neu-Isenburger Theaterkreises. Sie kennen den Plot der Geschichte. Leiter Walter Krämer erzählt kurz die Komödie und hält abwechselnd eine von drei fingergroßen Puppen hoch, die für die Schauspieler stehen.

Seit 10 Jahren treffen sich die Theaterenthusiasten jede Woche und besprechen in den Räumen der Tagesmütterzentrale Aufführungen, tauschen Meinungen aus oder bekommen Besuch von Intendanten, Schauspielern, Dramaturgen und Bühnenbildnern. Gemeinsam besuchen sie dann Theater und Aufführungen. Manchmal treten sie sogar politische Diskussionen los, wie bei der Nachbesprechung des Stücks „Maria Magdalena“, dessen Inszenierung in die heutige Situation von Migranten übersetzt wurde. Angefangen hat vor zehn Jahren alles damit, dass Walter Krämer den Literaturkreis in Neu-Isenburg übernommen hat. „Beim ersten Mal habe ich noch so getan, als würden mich Bücher auch interessieren“, witzelt Krämer, der Germanistik und Theaterwissenschaften studiert hat. „Ich lese zwar gerne Bücher, aber viel lieber gehe ich ins Theater.“ Mit seiner Leidenschaft habe er die Literaturfreunde infiziert, sagt eine Frau aus der Gruppe. Mittlerweile seien die Mitglieder zu mutigen Theaterbesuchern geworden. „Wir lassen kein Theater aus“, sagt Krämer. Egal wie weit das Schauspielhaus entfernt, wie schwierig das Stück ist oder wie dreckig die Toiletten sind – der Theaterkreis lasse sich durch nichts abschrecken. „Aber wir erlauben uns auch, über Stücke zu schimpfen, die uns nicht gefallen haben“, erzählt Hannelore Hübner, die seit dem ersten Treffen mit von der Partie ist.

In der Mitte der Runde liegt eine Plakette, die den Theaterkreis als Stuhlpaten des Schauspielhauses Frankfurt auszeichnet. Mit 250 Euro unterstützen sie das Schauspielhaus, das als Dank eine Plakette auf der Rückseite der Lehne von „Platz 1 Reihe 1“ angebracht hat.

Zu Plätzchen und Gebäck lauschen die überwiegend weiblichen Teilnehmer Krämers Stimme. Selten sind Teilnehmer unter 40 dabei. Das liege auch daran, dass die meisten ihren gleichaltrigen Bekannten von den Treffen des Theaterkreises erzählen.

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