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Der samtene Thoraschrein-Vorhang aus der ehemaligen Synagoge ist aufwendig verziert und mit blauer Baumwolle hinterfasst.

Dreieich

Seltenes Zeugnis jüdischen Glaubens in Dreieich

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Der verschollen geglaubte Thoraschrein-Vorhang aus der ehemaligen Sprendlinger Synagoge kehrt wieder nach Dreieich zurück.

Eine bedeutsame Rarität aus jüdischer Geschichte, die nach dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galt, ist jetzt wieder nach Dreieich zurückgekehrt: Mit Hilfe von Sponsoren haben die Freunde Sprendlingens den Parochet, den Thoraschreinvorhang der einstigen jüdischen Gemeinde erworben. Das kostbare Stück verdeckte in der Synagoge im Dreieicher Stadtteil Sprendlingen den Schrein, in dem die Thorarolle aufbewahrt wurde. Die Thora ist die hebräische Bibel, aus der während der Gottesdienste am Sabbat und an Festtagen gelesen wurde.

Während des Novemberpogroms von 1938 brannten die Nationalsozialisten die Sprendlinger Synagoge nieder. „Juden wurden aber vorher schon angefeindet“, weiß Wilhelm Ott, Vorsitzender der Freunde Sprendlingens, die sich schon seit vielen Jahren mit dem Schicksal der Juden befassen. Der Schuhmacher Gustav Strauß habe deshalb damals die Kultgegenstände aus der Synagoge mit nach Hause genommen und sie dort versteckt, somit vor dem Feuer gerettet, erklärte er. Kurz vor seiner Deportation habe er die Objekte einer Sprendlingerin übergeben, die sie nach dem Krieg einem Juden in Langen überließ. Dieser leitete sie nach Frankfurt weiter. Dann habe sich die Spur des Thoraschreinvorhangs verloren.

Der Thoraschrein-Vorhang soll nicht in einem Archiv in Dreieich verschwinden, sondern für die Öffentlichkeit sichtbar ausgestellt werden.

Wo er dauerhaft präsentiert wird, ist aber noch nicht geklärt.

Am 10. November wird der Vorhang erst einmal als Teil der Ausstellung „Jüdisches Leben unter dem Nazi-Terror“ öffentlich gezeigt.

Die Ausstellung ist bis zum 26. November im Rathaus, Hauptstraße 45, zu sehen. ann

Im August dann die Überraschung: Ein Antiquitätenhändler aus Antwerpen rief bei Ott an und bot ihm den Vorhang der jüdischen Gemeinde an. „Ich habe nach dem Anruf erst mal durchgeatmet, denn so was passiert einem nicht alle Tage“, sagt der Historiker. Als der Händler – selbst Jude, studierter Judaist und Historiker – dann seine Preisvorstellung nannte, habe er dann noch mal tief durchgeatmet, so Ott. „Die Forderung lag im niedrigen fünfstelligen Bereich.“ Man einigte sich schließlich auf einen „hohen vierstelligen Betrag“, den die Freunde Sprendlingens nicht komplett aus ihrer Vereinskasse finanzieren konnten. Sie suchten und fanden Sponsoren und einen Privatspender.

Der Vorhang aus grün-blauem Seidensamt wurde also gekauft und nun der Stadt als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt – just einen Tag nach dem Anschlag in Halle. „Dass Synagogen in Deutschland wieder gestürmt und geschändet werden, erschüttert mich“, sagte Bürgermeister Martin Burlon (parteilos) bei der Übergabe. Und auch Ott hätte nie gedacht, „dass Menschen in Deutschland wieder sterben sollten, nur weil sie Juden sind“.

Die Rückkehr des Vorhangs ist umso wertvoller, als es in Dreieich keine jüdische Gemeinde mehr gibt. Nach dem Krieg habe sie sich aufgelöst, so Ott, weil die Mitglieder, die den Holocaust überlebten, weggezogen seien.

Das kostbare, fast zwei Meter große Stück lag 70 Jahre zusammengefaltet in einem Abstellraum und hat deshalb ein wenig gelitten. Im Samt sind an manchen Stellen Abdrücke der Applikationen zu erkennen – eine Krone als Sinnbild Gottes, zwei aufsteigende Löwen, die den Stamm Juda symbolisieren, ein siebenarmiger Leuchter, und zu beiden Seiten aufgenähte Streifen mit den Anfangswörtern der zehn Gebote. Darunter sind vier Zeilen mit hebräischen Schriftzeichen appliziert. Deren Übersetzung lautet: Spende der Frauengemeinde zum Tage der Vollendung der hundertjährigen Gründung der Synagoge der heiligen Gemeinde Sprendlingen. Die eingestickte Jahreszahl 5692 entspricht jüdischer Zeitrechnung, ist umgerechnet das Jahr 1932. Der Vorhang sei offensichtlich zum jüdischen Neujahr gespendet worden, das vom 12. bis 13. September 1931 gefeiert wurde, so Ott.

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