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Ohne Flossen traut sich Jutta Maaßen nicht ins Wasser.

Pendler in Hessen

Schwimmend zur Arbeit

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Aus der Not heraus geboren: Die Rodgauerin Jutta Maaßen durchquert den Main, um von Seligenstadt zur Arbeit nach Karlstein zu kommen.

Jutta Maaßen hat Schlagzeilen gemacht: Sogar das Fernsehen hat im Sommer über die Frau berichtet, die täglich den Main durchschwimmt, um zur Arbeit zu kommen. „Schuld“ an dieser morgendlichen und abendlichen Schwimmeinlage war die Stadt Seligenstadt: Sie hatte den Fahrplan der Fähre nach Karlstein am gegenüberliegenden bayerischen Mainufer zum 1. Mai aus Kostengründen zusammengestrichen, der Fährbetrieb begann nicht mehr um 6 Uhr morgens, sondern erst um 9.45 Uhr. Doch was macht die Rodgauerin jetzt im Winter, wo das Wasser so kalt ist?

„Ich fahre jetzt 23 Kilometer mit dem Auto zur Arbeit“, sagt Jutta Maaßen. Das heißt: Ihr Weg zur Arbeit im Innovationspark Karlstein ist 14 Kilometer länger als im Sommer. Einmal pro Woche steigt sie auch aufs Fahrrad ihres Lebensgefährten, fährt von Rodgau aus durch den Wald und besteigt die Fähre von Seligenstadt nach Karlstein. Weil die Ingenieurin mittlerweile keine 40-Stunden-Woche mehr hat, sondern eine Wochenarbeitszeit von 35 Stunden mit Gleitzeit, ist das jetzt locker möglich. Problemlos kann sie ab und zu erst um 10 Uhr zur Arbeit kommen und schon nach sechs Stunden wieder ausstechen.

Glück hatte sie aber auch bei den Fährzeiten: Die Stadt Seligenstadt hat die Betriebszeiten der Mainfähre wieder geändert. Noch vom 1. November bis 31. Dezember 2017 fuhr das Schiff im Winterfahrplan täglich von 11 bis 17 Uhr. Seit 1. Januar beginnt der Fährbetrieb nun wieder um 9.45 Uhr. Das erspart Maaßen mit dem Fahrrad einen Umweg von viereinhalb Kilometern mainaufwärts bis zur nächsten Brücke und viereinhalb Kilometer auf der anderen Uferseite zurück bis zu ihrer Arbeitsstelle. Oder 45 zusätzliche Minuten.

Sobald die Wassertemperatur bei zehn bis elf Grad liegt, will Maaßen wieder den Main durchschwimmen. „Im April oder Mai“ schätzt sie. Ein Neoprenanzug kommt für die 51-Jährige aber nicht in Frage. „Dann müsste ich mich mitten in der Stadt am Mainufer umziehen“, sagt sie. Zum einen scheut sie die neugierigen Blicke der Seligenstädter, zum anderen die Zeit, die sie dafür benötigt.

Maaßen handelt stattdessen ökonomisch: Morgens steigt sie in einer Polyester-Jogginghose, in einem UV-Fleece-Trikot und mit Crogs an den Füßen in Rodgau-Jügesheim aufs Fahrrad, fährt achteinhalb Kilometer zum Fähranleger, stellt das Rad ab, zieht sich Flossen an und steigt mit ihren Klamotten in den Main. Am anderen menschenleeren Ufer wird dann hinter einem Busch das Oberteil ausgezogen und flugs das Kofferkleid übergestreift, das sie im mitgeführten Fahrradrucksack verstaut hat. Die Polyesterhose noch aus, die Flossen verstaut – und schon sitzt Maaßen auf Fahrrad Nummer zwei und radelt noch 600 Meter zum Arbeitsplatz.

Weit ist die Strecke ja nicht, die sie zu schwimmen hat: „Das sind keine 100 Meter“, sagt die Frau, die auch als Tauchlehrerin arbeitet. Trotzdem traut sie sich nicht ohne Flossen in den Fluss. „Sonst bin ich zu langsam“, sagt sie. „Wenn ein Schiff um die Ecke kommt, muss ich schnell raus.“ Der Main macht zwischen Seligenstadt und Karlstein nämlich eine Schleife, ist somit auf der einen Uferseite bestens, auf der anderen aber schlecht einsehbar. Doch Schiffe sind hörbar, sagt Maaßen. „Wenn es ruhig ist, schon fünf Minuten vorher.“

Zwischen dem Abstieg vom einen Fahrrad und dem Aufstieg auf das andere Fahrrad liegen gerade mal zehn Minuten. „Das geht meist schneller als mit der Fähre“, sagt sie. Die wartet nämlich, bis genügend Autos zur Überfahrt anstehen.

Die Rodgauerin hat ihre eigene Schwimmtechnik gefunden, um den Main zu überqueren: rückwärts in Rückenlage, den orangefarbenen Fahrradrucksack mit den trockenen Anziehsachen in den Händen. Da sie die Arme nutzt, um den Beutel festzuhalten, sind die Flossen zur Fortbewegung umso wichtiger. „Die Tasche wird zusammengerollt, da sind 20 Liter Luft drin. Deshalb schwimmt sie oben“, erklärt Maaßen. Ganz wasserdicht ist der Beutel aber nicht. „Mir wurde die Kleidung innendrin auch schon mal nass.“ Deshalb kommt zumindest das Geld zusätzlich in einen wasserdichten Beutel.

Ein Problem hat Maaßen aber noch zu lösen, bevor sie im Frühjahr wieder in die Fluten steigt: Sie muss Ersatz beschaffen für das E-Bike, das sie täglich in Seligenstadt am Ufer zurückließ. Im September wurde es ihr daheim gestohlen. „Weil es nicht abgeschlossen war, zahlt die Versicherung keinen Cent. Und ich bezahle noch die Leasingraten.“

Auch das alte Fahrrad, das am bayerischen Mainufer abgestellt war, ist weg. Maaßen musste es verschrotten. Bei Wind und Wetter ist es vor sich hin gerostet. Ab 1. Mai will die Stadt Seligenstadt die Fähre bis 19.10 Uhr fahren lassen. „Dann muss ich nur noch schwimmen, wenn morgens ein Ansprechpartner schon früh ins Büro kommt.“

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