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Pionierin der Gleichberechtigung

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Von: Andrea-Maria Streb

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Die langjährige Frauenbeauftragte Annerose Gebhardt geht in den Ruhestand. Ursprünglich hatte die engagierte Langenerin, die aus dem osthessischen Bebra stammt, eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin gemacht.

Es war im Jahr 1985, als es im Langener Rathaus zu einer „Palastrevolution“ kam: Frauen verschiedener Fraktionen beantragten gemeinsam, eine Stelle für eine Frauenbeauftragte bei der Stadt einzurichten. So schildert Annerose Gebhardt die Anfänge der Stelle, die sie seit fast 30 Jahren innehat. Zum 1. August hört sie nun auf und geht in den Ruhestand. Und man kann ohne Übertreibung sagen: Eine Ära geht zu Ende.

Als sie zum 1. Januar 1987 begann, war Gebhardt eine Pionierin: die erste Frauenbeauftragte im Kreis Offenbach und eine von nur 13 in ganz Hessen. Und sie wurde nicht direkt mit offenen Armen empfangen: „Da gab es viele hochgezogene Augenbrauen. Ich wurde belächelt und auch vorgeführt.“ Nur die Grünen, damals neu in den Parlamenten, hätten sie „sehr begrüßt“.

Die Stelle der Frauenbeauftragten hatte Gebhardt, die seit 1983 im Langener Sozialamt gearbeitet hatte, sehr gereizt. Nicht nur, weil 1986 der erste ihrer beiden Söhne geboren und eine Teilzeitstelle willkommen war. „Ich wusste, ich würde völlig selbstbestimmt arbeiten können, das fand ich attraktiv.“

Mit der Frauenbewegung war die damals 36-Jährige schon früher in Berührung gekommen. Durch ein Stipendium hatte sie als Studentin Ende der 70er Jahre eine Zeitlang in den USA gelebt. „Dort wohnte ich in einer Frauen-WG und machte im Frauengesundheitszentrum mit“, erzählt sie. Auch hatte sie viel zum Thema gelesen; „Das Gedankengut hat mich angesteckt, ich fand das völlig logisch.“

Ganz klein anfangen

Ursprünglich hatte die engagierte Langenerin, die aus dem osthessischen Bebra stammt, eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin gemacht und in diesem Beruf gearbeitet. „Ganz traditionell.“ Doch irgendwann habe sie sich gefragt; „Will ich das mein ganzes Leben machen?“ Sie wollte nicht und begann, in Kassel Sozialwesen zu studieren.

Dass die junge Frau nach Langen kam, hat die Stadt Frieder Gebhardt zu verdanken. Ihren Ehemann und heutigen Bürgermeister hatte sie als Studentin auf einer Party kennengelernt. Sie zog zu ihm nach Darmstadt, später, als sie bei der Stadt anfing, wollte das Paar auch in Langen wohnen.

Als ihr Mann viele Jahre später Bürgermeister wurde, hat das eine Zäsur in ihrer Arbeit bedeutet: „Ich habe die verwaltungsinternen Aufgaben an meine Kollegin abgegeben und bin in Altersteilzeit gegangen“, sagt die 64-Jährige.

Als Annerose Gebhardt 1987 die funkelnagelneue Stelle antrat, musste sie ganz klein anfangen. Mit 20 Wochenstunden, ohne Budget, dafür mit einer umfangreichen Arbeitsplatzbeschreibung, saß sie in ihrem Büro – und niemand kam. „Offiziell hieß es Gleichstellungsstelle, das stand auch an der Tür“, erinnert sich Gebhardt. „Erst als ich einen Button ‚Frauenbeauftragte‘ anbrachte, kamen die Kolleginnen und wollten wissen, was ich eigentlich mache.“

Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen

Einer ihrer ersten Schwerpunkte war die Wiedereingliederung von Frauen in den Beruf. „Damals gab es vom Arbeitsamt aber nicht mal geschlechtsspezifische Zahlen“, sagt sie. Als sie danach fragte, habe man ihr Karteikarten gegeben und gesagt, dort könne sie nachschauen. In dieser Situation kam ihr wieder ihr USA-Studium zugute: „Dort wurde viel mit Statistiken gearbeitet. Da habe ich den Umgang damit gelernt.“ Und so wertete sie die Kartei aus und stellte fest, dass es für Frauen viel weniger Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gab als für Männer – ein erstes Aufgabenfeld.

Ihre Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen kamen ihr noch oft zugute: „Das war immer eine Argumentationshilfe“, sagt sie. Verwaltungsleute verstünden Zahlen gut. „Ich bin ja als die Königin der Excel-Tabellen bekannt“, scherzt sie.

Die Dokumentation all dessen, was im Frauenbüro geleistet wurde, war ihr immer ein Anliegen. Und es ist eine umfangreiche Liste geworden: Beratung, Vernetzung, Veranstaltungen – es ist nicht möglich, die Vielzahl auch nur anzureißen. Im Lauf ihrer Karriere gab es vieles auch zum ersten Mal. So holte sie 1988 die erste Ausstellung zu sexuellem Missbrauch des Vereins Wildhof aus Marburg in die Stadt. Das Thema Gewalt hat sie immer beschäftigt: Heute sieht sie vor allem das Cybermobbing als großes Problem an.

Stolz ist sie, „auf das, was wir langfristig gegen Widerstände durchgesetzt haben“. Den deutlichsten Wandel seit den 80er Jahren sieht sie darin, „dass Frauen immer besser ausgebildet sind“. Und auch wenn sie viele Pläne für die Zukunft hat – sie nennt die Stichworte Enkelin, Garten, Turn- sowie Verkehrs- und Verschönerungsverein – so sagt sie klar: „Ich werde meine Arbeit vermissen. Sie war schön, abwechslungsreich und aufregend.“

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