Offizielle Eröffnung Hospiz am Wasserturm
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Jedes Hospizzimmer hat seiner eigene Terrasse mit Blick auf den Park, der bald grün sein soll.

Rodgau

Ein neues Hospiz in Rodgau gibt Todkranken einen Raum zum Sterben

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Das erste Hospiz im Kreis Offenbach ist fertig. Es hat zwölf Zimmer, viel Atmosphäre und ein paar Besonderheiten.

Eine der modernsten Einrichtungen der Sterbebegleitung in ganz Deutschland hat am Freitag den kirchlichen Segen erhalten: Das Hospiz am Wasserturm in Rodgau setzt Maßstäbe im Umgang mit Menschen an ihrem Lebensende. Hier herrscht nicht das kühle Ambiente und die eher spartanische Ausstattung, die man aus Kliniken kennt, hier wird schon auf den ersten Blick Wohlfühlatmosphäre vermittelt. Und es gibt viele kleine Dinge, die den Todkranken, aber auch dem Pflegepersonal das Leben erleichtern.

Lothar Mark, der Kurator der Hospizstiftung Rotary Rodgau, drückte aus, was sich wohl so mancher Gast der Einweihungsfeier bei einem Rundgang durchs Haus dachte: „Hier will man sterben – wenn schon, dann hier.“

Zwölf Menschen gleichzeitig finden Platz in dem ersten stationären Hospiz im Kreis Offenbach, das von der gemeinnützigen GmbH Mission Leben aus Darmstadt betrieben wird. Dem Flachbau am Wasserturm, hoch über dem Stadtteil Jügesheim, sieht man von außen nicht an, wie wohnlich es innen ist – und vor allem nicht, wie außergewöhnlich. Die Hospizstiftung als Bauherr hatte mit den Architekten Norbert Beck sowie Matthias Bauer viele Ideen, um den Bewohnern ihre letzten Tage so angenehm wie möglich zu machen.

Der Raum der Stille mit einer Glasinstallation von Eberhard Münch.

Da gibt es beispielsweise den Raum der Sinne, ein liebevoll dekoriertes Bad, in dem die Schwerstkranken in einer Badewanne bei Musik und Aromaduft vor dem riesigen Foto eines Nachthimmels entspannen können. „Das ist der Sternenhimmel über Rodgau in der Nacht vor dem Spatenstich“, erklärt Lothar Mark das Motiv.

An der Decke dagegen lacht ein blauer Himmel, der auch beleuchtet werden kann. Bei der Tiefeinsteiger-Badewanne lässt sich eine Seitenwand hochklappen, erklärt Nikos Stergiou, Vorsitzender der Hospizstiftung, beim Rundgang.

Ein großer Spiegel über einem behindertengerechten Waschbecken zeigt auf, wie selbstverständlich man hier mit dem absehbaren Lebensende umgeht: Statt einem Sich-Verstecken ist hier Raum für die Selbstreflexion, die Konfrontation mit sich selbst und der Vergänglichkeit.

Auch der Raum der Stille hat eine Besonderheit zu bieten: Ein drei Meter hohes und vier Meter breites Glasbild, das der Künstler Eberhard Münch aus Wiesbaden-Biebrich einst für das Altenpflegeheim „An der Fasanerie“ in Groß-Gerau geschaffen hatte. Die Kirchen haben es dem Haus gespendet, das die Mission Leben betreibt. Weil der Brandschutz in Groß-Gerau just an der Stelle, an der die Glasinstallation eingebaut war, einen Durchgang forderte, musste sie weichen. Sie wurde eingelagert, dann nach Rodgau gebracht – und erstrahlt nun in neuem Glanz.

161.500 Euro an weiteren Spenden gingen am Tag der Eröffnung ein.

Dieser Raum soll ein Ort des spirituellen Rückzugs für alle sein. Sogar Spaziergänger, die einfach einmal stille Momente erleben wollen, seien hierher eingeladen, sagt Stergiou. Hier wird auch der Stein abgelegt, den jeder Todkranke erhält. Nach seinem Ableben können die Angehörigen den Stein mit nach Hause nehmen; ansonsten kommt er in den Garten zu den anderen Steinen, damit die Erinnerung bleibt.

In den Hospizzimmern mit eigener Nasszelle, Kühlschrank, Fernseher, WLAN und Computeranschluss steht ein Intensivbett, ein zweites Bett kann jederzeit dazu gestellt werden. Die Kranken dürfen auf Wunsch sogar ihre eigenen Sitzelemente mitbringen. Jedes Bett kann nach draußen, auf die eigene Terrasse mit Blick zum zum Park hin, geschoben werden.

Für die Mitarbeiter wurde ein Besprechungsraum geschaffen, der für sie auch Rückzugsraum sein kann. „Die Arbeit ist extrem belastend, da braucht man auch mal fünf Minuten für sich“, erklärt der Vorsitzende der Hospizstiftung. Die Rotarier haben auch ein Büro des Ehrenamts ermöglicht – ein Raum für die ehrenamtlichen Hospizhelfer, den es in den meisten anderen Einrichtungen nicht gibt, weil es dafür keine Fördergelder gibt.

Aus der Spezialbadewanne blickt man auf den Sternenhimmel.

Auch die zwei auf der anderen Flurseite liegenden „unreinen“ Arbeitsräume sind nicht förderfähig. Die Rotarier haben sie aber realisiert, damit die Pflegekräfte nicht mit den Bettpfannen über den Flur oder durch die Küche laufen müssen, die auch gleichzeitig Gemeinschaftsraum ist.

Die Flurwände des Hospizes sind in diesem Trakt mit knallgrüner Farbe gestrichen – denn Grün ist die Farbe der Hoffnung.

Zur Sache: Das neue Hospiz in Zahlen

3,6 Millionen Eurokostete der Bau des Hospizes inklusive des Grunderwerbs am Wasserturm in Rodgau. 

2,25 Millionenhat die Hospizstiftung Rotary Rodgau bisher aus Spenden von über 1500 Stiftern finanziert, eine zusätzliche Million soll von der Frankfurter Werte-Stiftung kommen. 

Zur Eröffnunggingen am Freitag insgesamt 161 500 Euro ein. Trotzdem muss die Hospizstiftung für eine solide finanzielle Basis „noch ein bisschen trommeln“, so Kurator Lothar Mark. 

Mit dem Hospiz in Offenbachgibt es nun insgesamt 20 Betten in Stadt und Kreis Offenbach – eine Zahl, die laut Stiftungsvorsitzendem Nikos Stergiou genau am Bedarf orientiert ist. 

Von Montag anwerden die Mitarbeiter der Mission Leben geschult. Der erste Gast wird am 16. März erwartet. Sechs Anmeldungen lagen dem Betreiber, der Mission Leben, am Freitag schon vor. 

Eine Liegedauervon 17 Tagen dürfte kein Problem sein, meint Stergiou, der dafür plädiert, „früher einzuziehen“. Bundesweit liegt die Liegedauer bei zehn Tagen. ann

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