Neu-Isenburg

Umstrittene Straßennamen

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Die feierliche Enthüllung von Legendenschildern im Neu-Isenburger Neubaugebiet Birkengewann stößt bei einigen Fraktionen auf Unverständnis.

In einem feierlichen Akt werden am heutigen Mittwoch Legendenschilder im neuen Baugebiet Birkengewann in Neu-Isenburg enthüllt. Es handelt sich dabei um Schildchen, die in Kurzerläuterungen die Herkunft der Straßennamen erklären. Das Event ist aber genauso umstritten wie die Namensgebung – die Straßen sind nämlich zum Teil nach lebenden Personen benannt. FDP und Grüne stören sich daran, die SPD spricht von einer „unüblichen Vorgehensweise“.

Sechs Straßen erhalten Ergänzungsschilder mit dem Hinweis auf Ehrenbürger; drei dieser lokalen Größen sind noch am Leben. Der Ehrenbürger und ehemalige ISS-Astronaut Thomas Reiter enthüllt „sein“ Legendenschild just an dem Tag, an dem er 60 Jahre alt wird. Auch die 89-jährige Operetten- und Opernsängerin Anny Schlemm, die schon seit Jahren in Österreich lebt, soll so zu Ehren kommen, genauso der 81-jährige Walter Norrenbrock, von 1990 bis 2006 Stadtverordnetenvorsteher (CDU) und von 2006 bis 2011 ehrenamtlicher Stadtrat und Dezernent für Integration.

Die Entscheidung zur Namensgebung fiel schon vor eineinhalb Jahren im Stadtparlament. „Mit Mehrheit angenommen“ heißt es im Protokoll der Sitzung vom 16. November 2016. Die drei FDP-Fraktionsmitglieder stimmten damals dagegen, die fünf Grünen enthielten sich. Die SPD votierte damals dafür – obwohl sie die Namensgebung kritisch sah.

„Wir halten die Benennung von Straßen nach lebenden Personen für eine Unsitte“, sagt SPD-Parteivorsitzender Markus Munari. Der Grund liege im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte: Während der NS-Diktatur sei es Usus gewesen, alles nach Hitler und nach Nazi-Legenden zu benennen. Aus genau diesen Gründen würden in unserem Kulturkreis Straßennamen nicht zu Lebzeiten vergeben. „Das hat den makabren Beigeschmack aus zwölf Jahren Nazi-Diktatur“, so Munari, und beschädige die Personen, um die es jetzt gehe.

„Ich werde der Enthüllung der Straßennamen nicht beiwohnen“, sagt FDP-Fraktionsvorsitzender Thilo Seipel und begründet seine Ablehnung: Wenn eine Person noch lebe, sei es theoretisch möglich, dass sie sich bis zum Ende ihres Lebens etwas zuschulden kommen lasse. Dann eine Straße wieder zurückzubenennen, sei mit Kosten und Mühen für die Anwohner verbunden. In Neu-Isenburg solle man sich Gedanken machen über eine Straßenbenennungssatzung. In Frankfurt etwa lasse diese Satzung eine Benennung nach einer Person erst einige Jahre nach deren Ableben zu.

„Wir haben nichts gegen die Personen, die ausgewählt wurde, aber Lebende so zu ehren, finden wir keinen guten Stil“, sagt Maria Sator-Marx (Grüne). Außerdem sei es „ziemlich albern“, dass man daraus auch noch ein Event mache. Das passe schlichtweg nicht in die Zeit. Der Beschluss zur Benennung der Straßen sei im Stadtparlament „x-mal“ diskutiert und geschoben worden.

Die Idee, die Straßen im Birkengewann nach bedeutenden Persönlichkeiten zu benennen, kam einst vom Magistrat. „Wir hatten damals schon Straßen, die nach den Ehrenbürgern Ludwig Arnoul und Franz Völker benannt sind“, sagt Bürgermeister Herbert Hunkel (parteilos). „Es gab also Ehrenbürger, die eine Straße hatten, und andere, die keine hatten.“ Um dieses „Ungleichgewicht“ zu beheben, brachte der Magistrat die Vorlage ein.

Fünf der sechs Straßenschilder stehen laut Hunkel schon seit dem Frühjahr. Die Grundstücke hätten sonst als nicht erschlossen gegolten, erklärt er. Für die Bewilligung eines Kredits brauchen die Grundstückseigentümer einen Straßennamen.

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