Ein Lied beschreibt das harte Leben vor 300 Jahren.
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Ein Lied beschreibt das harte Leben vor 300 Jahren.

Neu-Isenburg Musikschule

Tanzen streng verboten

  • vonFrank Sommer
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Ein Musical der Neu-Isenburger Musikschule lässt das Leben von 1726 auferstehen. Kinder stehen am Samstag auf der Bühne um Geschichten aus dem Philippsdorf zu erzählen.

Ein Musical der Neu-Isenburger Musikschule lässt das Leben von 1726 auferstehen. Kinder stehen am Samstag auf der Bühne um Geschichten aus dem Philippsdorf zu erzählen.

Betreten stehen Elisabeth, Madeleine und David da: Barfuß müssen sie sich eine Strafpredigt anhören. Ihr Vergehen wiegt schwer im hugenottischen Neu-Isenburg: Getanzt haben sie, ausgelassen getanzt im Wald. Und das auch noch an einem Sonntag. Prügel gab es dafür von den Eltern und nun müssen sie sich sogar vor einem Richter verantworten. Als dem die weiße Perücke ein wenig verrutscht, huscht den Kindern ein Lächeln übers Gesicht: Elisabeth, Madeleine und David heißen nämlich Louisa, Magdalena und Lilly – und statt vor Gericht stehen sie in der Aula der Wilhelm-Hauff-Schule. Sie und der Schulchor der Neu-Isenburger Grundschule spielen mit in einem Musical, das das Leben in Neu-Isenburg vor rund 300 Jahren thematisiert.

Eine wahre Begebenheit

„Gute Zeiten, schlechte Zeiten 1726. Geschichten aus dem Philippsdorf“ heißt das Stück. Geschrieben hat es Bettina Stuckard vom Kulturbüro der Stadt, die Liedtexte stammen von Ulrike Fröhling. „Den Vorfall gab es wirklich“, erklärt Stuckard. In den Kirchenbüchern des Pfarrers Abraham de Champ Renau sei er verzeichnet. „,Das muss im Wald bei der Gehespitz gewesen sein.“ Auch wenn die protestantischen Glaubensflüchtlinge hier vor Verfolgung sicher waren, leicht war ihr Leben nicht. Über alles wachten Pfarrer und Kirchenräte.

Für Louisa und Magdalena ist es kaum vorstellbar, dass man fürs Tanzen bestraft wird: „Was damals alles verboten war: tanzen, kegeln oder einfach nur mit etwas werfen!“ „Und erst die Strafen“, sagt Vanessa, die in dem Stück einen Lehrer spielt. Ganz empört ist sie, dass „der die Kinder schlagen durfte“. Alle sind sich einig: Sie haben es heute viel besser. Nicht zuletzt, weil sie in der Schule etwas lernen dürfen – auch das war früher anders: Die Kinder im Stück erfahren nämlich nicht, wie „Ochse“ richtig geschrieben wird, weil der Lehrer sie lieber zum Unkrautjäten in seinen Garten schickt.

„Ich wollte etwas über die Stadt, in der die Kinder leben, auf die Bühne bringen“, sagt Thomas Peter-Horas von der Musikschule, „und zeigen, dass man Musik nicht nur am MP3-Player hören, sondern auch selbst machen kann.“ Er hat die Musik komponiert und begleitet die Kinder am Klavier. Statt großer Ausstattung setzt er auf abwechslungsreiche Melodien. So swingen schon mal alle, wenn es darum geht, den eintönigen Speiseplan von 1726 zu monieren: „Mehlsuppe, Krautsuppe, Linsensuppe. Wir äßen gerne Schokolade, doch das ist, was ich nicht habe.“

Drei Besetzungen

Für Sarah, Vanessa, Angela und die anderen, die da gegen die Suppe aufbegehren, ist es am Dienstag schon die zweite Aufführung „Heute morgen saßen fast 200 Schüler hier und es war richtig laut. Wir waren schon ziemlich aufgeregt“, sagt Louisa. Am Samstag steht sie wieder auf der Bühne, dann aber im Bürgerhaus Zeppelinheim.

„Das Musical habe ich auch in der Andersen- und Uhland-Schule eingeübt, also mit drei komplett unterschiedlichen Besetzungen und Chören“, sagt Peter-Horas. Bei der Aufführung am Samstag singen und spielen von allen Schulen Kinder mit und erzählen vom harten Leben um 1726. Alle Chöre in Einklang zu bringen, das sei Arbeit, erklärt Peter-Horas, aber für die Kinder sei es auch ein großartiges Erlebnis, auf der großen Bühne zu stehen. „Mal sehen, was sie davon mitnehmen“, sagt er. Nach dem Stück um den Wäscherinnenstreik im vergangenen Jahr hätten einige für mehr Taschengeld gestreikt.

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