Die Schüler fliegen nach ihrem selbst erarbeiteten Flugplan am Flugsimulator. monika müller
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Die Schüler fliegen nach ihrem selbst erarbeiteten Flugplan am Flugsimulator. monika müller

Neu-Isenburg

Schulunterricht am Flugsimulator in Neu-Isenburg

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Deutschlandpremiere in Neu-Isenburg: Erstmals gehen Schüler auf dem Boeing-Gelände im „fliegenden Klassenzimmer“ auf Lernreise - und dürfen dabei am Flugsimulator sitzen.

Ayan Khan ist Feuer und Flamme: „Es macht sehr viel Spaß hier.“ Wo sonst bekommt man als Jugendlicher schon die Gelegenheit, an einem Flugsimulator zu sitzen und abzuheben? Khan ist einer von 32 Neuntklässlern der Dreieicher Ricarda-Huch-Schule, die am Dienstag im mobilen „Newton Room“ auf Lernreise gehen dürfen. Das „fliegende Klassenzimmer“ macht für drei Wochen am Boeing-Standort in Neu-Isenburg Station – erstmals in ganz Deutschland.

Der Newton Room ist jedoch mehr als das Erlebnis, an einem Flugsimulator Platz zu nehmen. In den zwei erweiterbaren mobilen Containern auf dem Boeing-Gelände an der Rathenaustraße müssen die Schüler einen Tag lang eine „Mission“ erfüllen und erhalten so die Gelegenheit, das praktisch umzusetzen, was sie in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT-Fächer) gelernt haben.

Ayan hat wie die anderen Dreieicher Schüler, die bei der Deutschlandpremiere im Newton Room sitzen, Naturwissenschaften als Wahlpflichtfach gewählt. Da es mehr Interessenten als Plätze gab, musste in seinem Kurs ausgelost werden – und er gehörte zu den Glücklichen.

Das Newton-Konzept

Das Newton-Konzeptwurde von der gemeinnützigen norwegischen Stiftung First Scandinavia in Zusammenarbeit mit Lehrern, Bildungseinrichtungen und Firmenpartnern entwickelt. Es versucht, Bildung und Industrie zu verlinken.

Mehr als 40 Newton-Roomsgibt es in Norwegen, Dänemark und Schottland bereits.

In Partnerschaft mit Boeingwird das Newton-Room-Konzept auf weitere Länder ausgeweitet. Das Unternehmen ist schon seit 2013 Unterstützer des Konzepts und hat die Unterrichtsmaterialien für Lehrer und Schüler zur Verfügung gestellt.

Rund 400 Schüleraus Rhein-Main erleben nun das Newton-Konzept unter dem Motto „Mit Zahlen in die Luft“ in den mobilen Containern auf dem Boeing-Gelände in Neu-Isenburg. 

Gerade legt er ein Kurslineal mit nautischen Meilen und Kompass auf einer Landkarte an. Seine Aufgabe ist es, die Entfernung zu einem bestimmten Ort zu messen und den Winkel zu bestimmen. Janine Besaret, Angela Irgenowski und Enno Ellger, die mit ihm am Tisch sitzen, rechnen die Kilometer in nautische Meilen und die Stunden in Minuten um. Zwei Stunden lang berechnen sie Zeit, Distanz und Geschwindigkeit, entwickeln einen Flugplan für ihren späteren paarweisen Observationsflug am Flugsimulator. „Wenn wir falsch gerechnet haben, fliegen wir an den Zielen vorbei“, sagt Enno. Und die sind nicht minder spannend: eine brennende Scheune, ein sinkendes Schiff, ein Wanderer, der sich verletzt hat. „Wir sind die letzte Rettungsstaffel, müssen uns einen Weg über die norwegischen Wälder hinweg erkämpfen“, erklärt Enno die Mission. Mitarbeiter von Boeing, die Berufspiloten oder private Piloten sind, helfen den Jugendlichen am Flugsimulator. Als Nachweis müssen die Ziele mit dem Handy dokumentiert werden.

Im Anschluss an das Lernmodul im „fliegenden Klassenzimmer“ geht es ins Forschungslabor von Boeing – das Digital Solutions & Analytics Lab –, wo die Schüler erfahren, wie das Erlernte in der Luft- und Raumfahrt umgesetzt werden kann und welche technischen Berufe hier möglich sind.

Zunächst einmal muss der Kurs richtig berechnet werden. monika müller

40 Mitarbeiter im Boeing Lab engagieren sich für das Projekt. Sie haben 21 Schulen im Rhein-Main-Gebiet angeschrieben, die Mitglied im MINT-Netzwerk sind. Elf von ihnen wollten dabei sein.

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung fungiert als lokaler Partner und hat zwei kompetente Newton-Kursleiter akquiriert: Phillipp Schulte, früher Steward bei der Lufthansa, studiert aktuell Mathe, Erdkunde und Physik an der Goethe-Universität, Simon Ajnwojner ist ehemaliger Physiklehrer und beim Institut für Didaktik an der Goethe-Universität zuständig für Flugphysik.

Sollte sich der mobile Newton Room bewähren, sei das Kultusministerium daran interessiert, das Boeing-Areal in Neu-Isenburg als festen Standort zu etablieren, erklärte Ministerialrätin Brigitte Hirschler bei der Eröffnung. Weitere Standorte könnten folgen.

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