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Vom Makler zum Missionar

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Von: Andreas Hartmann

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Ralf Weidner vor der evangelischen Stadtmission in der Stoltzestraße in Neu-Isenburg.
Ralf Weidner vor der evangelischen Stadtmission in der Stoltzestraße in Neu-Isenburg. © Sascha Rheker

Der gebürtige Neu-Isenburger Ralf Weidner ist mit 46 Jahren seiner Berufung gefolgt. Der Prediger, Seelsorger und Missionar arbeitet bei der Stadtmission in Neu-Isenburg.

Der Beruf des Missionars ist seit den Tagen des heiligen Bonifatius selten geworden in Hessen. Und auch für den in Neu-Isenburg aufgewachsenen Ralf Weidner war es ein verschlungener Weg bis zu diesem ungewöhnlichen Beruf.

Eigentlich hat der 46-Jährige nach seiner Schreinerlehre Architektur studiert und viele Jahre lang bei einer hiesigen Immobilienfirma gearbeitet, hat riesige Bauprojekte betreut und hervorragend verdient. Jetzt arbeitet Weidner mit einer halben Stelle bei der Stadtmission in Neu-Isenburg, aber was ist schon Geld, wenn man so eine Entscheidung getroffen hat.

„Es gibt viele in meiner Generation, die kaufen sich in der Mitte des Lebens eine Harley oder einen Porsche. Ich habe das Geld beiseite gelegt und damit Theologie studiert“, sagt er. „Unser Lebensstil war immer bescheiden. Wir haben uns nie Konsumgütern verpflichtet, sind nie von Schuldenbergen erdrückt worden.“

Weidners Frau und die beiden Söhne trugen die Entscheidung mit, doch nicht jeder fand das gut. „Ich habe nie mehr so viele Bedenkenträger getroffen wie damals“, sagt Weidner. Obwohl, meint er, er auch viel Zuspruch bekommen habe. Und inzwischen hört er auch oft von ehemaligen Kollegen mit einem gewissen neidvoll-bewundernden Unterton: „Du hast den Ausstieg geschafft!“

Ja, und jetzt ist er also Prediger, Seelsorger, Missionar. Wobei ihn die Klischees nerven, mit denen mancher auf diesen Begriff reagiert. „Da bekommt man gleich die Kreuzzüge um die Ohren gehauen. Dabei ist jeder, der von seinem Glauben erzählt, Missionar. Authentisch leben, das ist doch auch Mission“, sagt der Pfarrer. Gefreut hat ihn da, dass ein skeptischer atheistischer Bekannter kürzlich anerkennend meinte: „Du scheinst das ja wirklich zu glauben!“

Amtseinführung in Frankfurt

Am 22. September ist Weidners offizielle Amtseinführung, nicht in dem nüchternen Mehrzweckraum der Stadtmission, sondern in der befreundeten Frankfurter Nord-Ost-Gemeinde. Weidner ist der einzige Hauptamtliche in der kleinen Gemeinde in der Stoltzestraße, die zwar zur evangelischen Landeskirche gehört, aber wie ein Verein organisiert ist und eng zusammenhält. Stadtmissionen wurden vor gut hundert Jahren als Laienbewegung in ganz Deutschland gegründet.

Alle anderen Aufgaben, vom Musikmachen beim Gottesdienst bis zum Putzen, teilen sich die ehrenamtlichen Helfer. Weidner selbst arbeitet neben seiner Seelsorgetätigkeit an zwei Vormittagen in der Woche an einer Langener Grundschule, mit seiner Familie lebt er seit 1995 in Dreieich-Sprendlingen.

Es ist schon ein denkwürdiger Zufall, dass Weidner heute nur 300 Meter von seinem Elternhaus entfernt arbeitet. Denn ein Praktikum in Berlin musste er während des Studiums kurzfristig absagen, weil sein inzwischen verstorbener Vater einen Schlaganfall erlitten hatte. „Ein Bekannter sagte mir, ich solle es doch mal in Neu-Isenburg versuchen. Ich kannte die Stadtmission damals gar nicht.“ Der Kontakt blieb. „Wo einen Gott hinführt“, sagt er nachdenklich.

Wie soll es hier weitergehen? „Ich habe Ideen ohne Ende, aber jetzt will ich erst mal die Gemeinde kennenlernen. Im kommenden Jahr können wir dann konkret drüber nachdenken.“

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