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Die Stadtbücherei Neu-Isenburg gilt als beste Hessens - gerade hat eine Umfrage das wieder bestätigt.

Leserbrief

Sie haben den hessischen Bibliothekswesen keinen Gefallen getan"

Auf heftigen Widerspruch stößt der Artikel Wieder "Spitzenplatz für die Stadtbücherei" vom 15. Juli über die aktuellen BIX-Ergebnisse. Der Freundeskreis der Stadtbibliothek Neu-Isenburg" meldet sich zu Wort.

Von Margit Rützel-Banz

Sie haben damit dem hessischen Bibliothekswesen, das seit Jahrzehnten Schlusslicht im bundesweiten Vergleich ist, keinen Gefallen getan. Ihre Redaktion hat in den Jahren 1990 und 2003 den Helmut-Sontag-Preis erhalten und gerade deshalb hätte ich von Ihrem Redaktionsmitglied eine sensiblere und fundiertere Analyse der vorgelegten Ergebnisse / Erläuterungen und der daraus zu ziehenden Schlüsse erwartet.

Der BIX ist ein Projekt, das von der Bertelsmann-Stiftung und dem Deutschen Bibliotheksverband, also hochkarätigen Fachleuten, initiiert wurde und getragen wird und über Deutschland hinaus große Anerkennung findet. An der Seriösität der Datenerhebung besteht also keinerlei Anlass.

Wenn es etwas anzuzweifeln gibt, dann ist dies die Praxis der meisten Kommunen, die ihre Bibliotheken als freiwillige Leistung miserabel ausstatten und somit gar nicht die Chance geben, sich an einem Leistungsvergleich zu beteiligen, der ein Mindestmaß an Qualitätsstandards erfordert.

Die Bedeutung und nachhaltige Wirkung von Bildung und Kultur wird in den meisten Fällen nicht erkannt oder ignoriert. Doch leider haben Bibliotheken haben trotz immenser Besucherzahlen keine Lobby wie bspw. Sportvereine.

Diesem Missstand versuchen die Landesverbände des Deutschen Bibliotheksverbandes u.a. durch ein Bibliotheksgesetz, das zurzeit im Hessischen Landtag beraten wird, abzuhelfen.
Bibliotheken, gerade Öffentliche Bibliotheken, die für eine flächendeckende Literatur- und Informationsversorgung nach Artikel 5 GG sorgen sollen, sind eine der wichtigsten Institutionen, in der die Grundlagen für eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft vermittelt werden.

Diese Leistung ist allerdings nicht umsonst zu haben. Zwei Medieneinheiten pro Einwohner, ein Medienetat, der eine Neuerungsquote von mindestens 10 % pro Jahr ermöglicht, fachlich qualifiziertes Personal, Internetstationen, PC-Arbeitsplätze und Datenbanken zur Vermittlung von (digitaler) Medien- und Informationskompetenz, ausreichend Fläche = Aufenthaltsqualität, Öffnungszeiten, die allen Bevölkerungsgruppen die Zugänglichkeit ermöglichen, sind Mindestanforderungen, die gute Bibliotheken ausmachen.

Dass die Erfüllung dieser Mindestanforderungen zu messbaren Erfolgen führt, zeigen nicht nur die BIX-Ergebnisse, sondern auch die seit Jahrzehnten erhobenen Daten der Deutschen Bibliotheksstatistik, an der sich nahezu jede qualifizierte Bibliothek beteiligt. Leider werden diese Ergebnisse (aus Kostengründen) nicht medienwirksam aufbereitet und publiziert.

Bibliotheken waren und sind schon immer diejenigen öffentlichen Bildungseinrichtungen, die ihre Leistungen akribisch zählen, dokumentieren und auswerten, weil sie als freiwillige Leistung (s.o.) immer mit dem Rücken zur Wand stehen und nicht nur in Krisenzeiten um ihre Existenz und Ausstattung kämpfen müssen.
Es ist auch nichts Anrüchiges, Leistung zu messen, wenn sie einer fortschrittlichen gesellschaftlichen Entwicklung dient.

Müssen Zeitungen nicht auch permanent ihre Auflagenstärke, Absatzzahlen, Abonnentenfluktuation im Auge behalten und hinterfragen? Nutzen Sie nicht täglich statistisches Material und objektivierbare Daten für Ihre journalistische Arbeit?

Als ehemalige Berufskollegin an einer wissenschaftlichen Bibliothek habe ich in 40 Jahren meiner Berufs- und Verbandstätigkeit noch keine Phase erlebt, in der Bibliotheken nicht um jeden Cent kämpfen mussten.

Nach den katastrophalen Ergebnissen der PISA-Studie ist es Gott sei Dank bundesweit gelungen, die Bedeutung von Öffentlichen Bibliotheken im Bildungsgefüge ein wenig mehr ins Zentrum öffentlicher Wahrnehmung zu stellen und auf ihre miserable Situation aufmerksam zu machen ("Bibliotheken auf die Tagesordnung!", forderte der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler).

Neu-Isenburg und auch der Kreis Offenbach sind hier trotz immer noch großer Qualitätsunterschiede und Nachholbedarfe in vielen Kommunen im hessenweiten Vergleich mit seinen großen weißen Flecken auf der Bibliotheks-Landkarte als beispielhaft zu nennen. Immerhin gibt es in jeder Kommune eine Bibliothek, fachlich qualifiziertes Personal und Medienangebote, die wenigstens die Grundbedürfnisse abdecken.

Dies ist aber bei Weitem nicht genug wie die Zahlen zeigen und auch die KollegInnen bestätigen. Und: sie sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Vielleicht machen es sich auch manche KollegInnen mitunter etwas zu leicht, wenn sie sich (gezwungenermaßen) mit unzureichenden Bedingungen arrangieren. Es macht aber auch wenig Sinn, Missstände schönzureden; diese müssen benannt werden und es ist auch die Aufgabe der Presse, durch kritische Berichterstattung für ihre Behebung zu sorgen.

Margit Rützel-Banz, Dipl.-Bibliothekarin und Vorsitzendes des „Freundeskreises der Stadtbibliothek Neu-Isenburg e.V.“, Neu-Isenburg

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