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Stille Ecke: Ein Gedenkstein erinnert an den Bombenangriff am 29. Januar 1944.

Gedenkfeier in Neu-Isenburg

Geschichte rückwärts lehren

Die Historikerin Heidi Fogel spricht über den Wandel der Erinnnerungskultur und was sie mit Gedankfeiern und Jubiläen erreichen möchte.

Frau Fogel, 2014 ist ein Jahr voller schrecklicher Jubiläen und Gedenktage. Vor allem am Ersten Weltkrieg ist das Interesse 100 Jahre nach seinem Ausbruch groß.

Ja, das stimmt. Was aber über 100 Jahre Erster Weltkrieg ziemlich in Vergessenheit gerät, ist 75 Jahre Kriegsbeginn Zweiter Weltkrieg. Das wird unter den vielen Gedenkveranstaltungen zum Ersten Weltkrieg untergehen. Ich kenne sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die etwas dazu machen, aber bisher niemanden, der etwas zum Beginn des Zweiten Weltkriegs macht.

Am kommenden Mittwoch erinnern Sie und die Stadt Neu-Isenburg an eine der vielen Katastrophen des Zweiten Weltkriegs, an eine, die sich vor genau 70 Jahren ereignet hat. Was ist damals passiert?

Am 29. Januar 1944 schlugen hier in Neu-Isenburg Bomben ein. Es war eigentlich ein Bombenangriff auf Frankfurt, bei dem auch eine Flakbatterie beschossen wurde, die zwischen der Offenbacher Straße und dem Gravenbruchring, etwa auf Höhe der heutigen Goetheschule, stand. Damals starben fünf jugendliche Luftwaffenhelfer, fünf russische Kriegsgefangene und ein Soldat. Außerdem kamen im Buchenbusch Menschen ums Leben. Das war relativ kurz nach dem für Neu-Isenburg ganz verheerenden Angriff am 20. Dezember 1943.

Der Kreis der Zeitzeugen wird von Tag zu Tag kleiner. Ändert sich da der Charakter solcher Feiern? Und sind denn solche Gedenkfeiern und Jubiläen überhaupt noch sinnvoll heute?

Auf jeden Fall! Wir brauchen eine Institutionalisierung von Gedenken, damit es nicht untergeht, und damit es auch einen Stellenwert hat. Kollektive Erinnerung ist immer nötig, ich denke, da sind wir uns einig. Ohne Erinnerung haben wir keine Identität, wissen wir nicht, woher wir kommen, wo wir stehen, wer wir sind. Der Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus, des von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkriegs und des Holocaust gehört zu unserer kollektiven Identität, ob wir wollen oder nicht. Vergessen können wir ihn nicht, aber Erinnerung verändert sich.

Inwiefern?

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die deutsche Kriegsgeneration viel stärker auf das eigene Leid konzentriert als auf das der anderen. Eine künftige Erinnerungskultur muss auf Zeitzeugen verzichten und für kommende Generationen neue Formen des Gedenkens finden.

Könnte man sagen, dass Gedenken von Jahr zu Jahr schwieriger wird?

Wer heute nicht gerade böswillig nicht informiert sein will, ist gut informiert. Doch für Schüler ist der Nationalsozialismus relativ weit weg. Wir müssen aufpassen, dass wir ihnen heutzutage nicht mehr Information mit Moral verquickt vermitteln. Wenn ich von Jugendlichen höre, „Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein“, dann ist das der falsche Ansatz. Es ist ganz wichtig für junge Leute, dass sie an ihrer eigenen Lebenswelt anknüpfen können. Man sollte Geschichte rückwärts lehren, damit die Kinder wissen, was das mit ihnen zu tun hat und Geschichte nicht nur als Lehrstoff über Vergangenes lernen.

Was hat so ein Ereignis wie das vor 70 Jahren denn mit uns zu tun?

Zu Veranstaltungen wie dieser am nächsten Mittwoch kommen vor allem die Angehörigen oder aber der eine oder andere Überlebende. Ich werde versuchen, über das reine Erinnern hinaus auch Denkanstöße zu geben, was wir daraus lernen können. Denn das ist doch das Entscheidende: Welche Konsequenzen ziehen wir für uns daraus?

Interview: Andreas Hartmann

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