+
Bei seinen Nachforschungen fand Wilhelm Ott in einer Flakstellung an der Geschwister-Scholl-Halle auch einen Mini-Bunker.

Neu-Isenburg

Die Geschichte der Flakstellungen

  • schließen

Der Dreieicher Heimatforscher Wilhelm Ott hat zu den Flakstellungen in der Neu-Isenburger Ostgemarkung recherchiert. Ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg steht jetzt unter Denkmalschutz.

Einzigartig in Hessen, wenn nicht sogar in Deutschland – so schätzt der Sachverständige des Landesamtes für Denkmalpflege die Flakstellung ein, die fast unzerstört im Neu-Isenburger Wald zu finden ist. Deshalb wurde das Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg im Dezember vorigen Jahres in das Denkmalverzeichnis des Landes aufgenommen. Zu verdanken ist das in erster Linie dem Dreieicher Heimatforscher Wilhelm Ott, der aufwendig zu den Flakstellungen in der Neu-Isenburger Ostgemarkung recherchiert hat. Zusammen mit Ferdinand Stegbauer gibt er am 1. Februar eine 80-seitige Broschüre im DIN-A4-Format heraus, die am 29. Januar um 17 Uhr in der Gaststätte „Reiterschänke“ am Triebweg vorgestellt wird.

Die beiden Autoren beleuchten in der Dokumentation mit vielen Schwarz-weiß-Fotos aus jener Zeit nicht nur die Geschichte der Flakstellungen, sondern zeigen auch auf, was wo noch übrig ist, wie die Flakkanonen funktionierten und welche Traumata die Betroffenen erlebt haben. Dazu haben sie auch Zeitzeugen interviewt. Eine Beschreibung der Bombennächte in Neu-Isenburg ergänzt die Kapitel. Ott fand einen entsprechenden Bericht im Nachlass von Arno Baumbusch, der in Neu-Isenburg ausgebombt wurde. Außerdem bereichern Farbbilder, die ein Major in Flakstellungen in Sprendlingen mit seiner Leica-Kamera geschossen hatte, den Anhang der Broschüre. Am Ende darf eine ethische Bewertung des Bombenkriegs und eine Mahnung an die Nachkriegsgeneration nicht fehlen.

Lange haben die Überreste der Flakstellungen unerkannt in Neu-Isenburg geschlummert – bis der Heimatforscher Ott vor rund drei Jahren einen Hinweis auf „Betonteile“ im Wald erhielt. „Ich habe mich bei meinen Recherchen nie auf meine Heimat Sprendlingen beschränkt, sondern immer die Landschaft Dreieich untersucht, die einst von Egelsbach bis Neu-Isenburg ging“, so Ott. Somit war er zufällig im Besitz von hochaufgelösten Luftbildern aus dem Jahr 1944, auf denen er eindeutig drei Flakbatterien mit je sechs kreisförmig angeordneten Flakstellungen erkannte. Ott suchte vor Ort und fand schließlich zehn Stellungen, die im Gelände noch erkennbar sind. Eine davon am Ende des Brüllochsenweges in der Luderbachaue ist besonders gut erhalten. „Die Betonunterstände sind quasi unbeschädigt. Man sieht sogar noch die Schrauben, mit denen die Flakkanonen befestigt waren“, sagt Ott.

In den Flakstellungen holten Soldaten britische und amerikanische Bomber vom Himmel. „Es gab viele Stellungen rund um Frankfurt“, sagt Ott. Die Kanonen mit Kaliber 8,8 Zentimeter reichten bis in 10 000 Meter Höhe. 1944 wurden die Flaksoldaten abgezogen an die Front, 15- und 16-jährige Jugendliche wurden jahrgangsweise als Luftwaffenhelfer rekrutiert. Auch russische Kriegsgefangene, die sich bereiterklärten, in der Flakstellung als sogenannte Hilfswillige Dienst zu tun, kamen an die Geschütze.

Zur Flak-Infrastruktur gehörten auch Stellungen, in denen ab 1944 junge Frauen vom Reichsarbeitsdienst Scheinwerfer bedienten. Sie ersetzten Soldaten, die zur Front abgezogen wurden. „Ich habe eine Langenerin getroffen, die mir von ihrer Arbeit in den Scheinwerferstellungen berichtet und auch Bilder zur Verfügung gestellt hat“, sagt Ott.

Inmitten einer Flakstellung an der Geschwister-Scholl-Halle fand Ott auch einen Splitterschutzbunker aus Beton. „Wir nehmen an, dass es einen Beobachter gab, der sich bei Luftangriffen dort hinein flüchtete“, sagt er. Der Bunker, der maximal drei Personen Schutz bot, wird in das denkmalgeschützte Ensemble am Brüllochsenweg verlegt.

Am 29. Januar jährt sich zum 75. Mal ein Bombenabwurf in eine Stellung in der Batterie am Schindkautweg. Die Stadt legt dort am 29. Januar, 16 Uhr, einen Kranz ab und gedenkt der zehn Opfer, davon fünf Jugendliche.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare