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Alter Adel trifft neue Herrscher

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Von: Andreas Hartmann

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Neu-Isenburgs Bürgermeister Herbert Hunkel, Offenbachs OB Horst Schneider und Alexander Prinz von Isenburg (von links).
Neu-Isenburgs Bürgermeister Herbert Hunkel, Offenbachs OB Horst Schneider und Alexander Prinz von Isenburg (von links). © Rolf Oeser

Die Stadt Neu-Isenburg feiert ihren 314. Geburtstag. Zu dem Gründungsjubiläum kommt der Nachfahre des Gründers, Alexander Erbprinz zu Isenburg, ins Isenburger Schloss nach Offenbach.

Gedenken auf fremdem Territorium, und dann noch als Gipfeltreffen alter und neuer Regierender: Zumindest Neu-Isenburgs aktueller Herrscher, Bürgermeister Herbert Hunkel (parteilos), hat ein Faible für symbolische Akte und die Kultur der Erinnerung. Schließlich ist Hunkel ja zudem seit vielen Jahren Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins.

Aber auch sein Offenbacher Kollege, OB Horst Schneider (SPD) kommt angesichts mancher – und sei es auch krummer – Gedenktage ins Philosophieren beziehungsweise Willy-Brandt-Zitieren: „Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft.“ Welch passender Satz zum 314. Geburtstag Neu-Isenburgs, den die Bürgermeister gestern mitsamt dem Nachfahren des Gründers, Alexander Erbprinz zu Isenburg, im Isenburger Schloss in Offenbach gefeiert haben. Denn hier, möglicherweise in der Schlosskapelle, erging damals die Erlaubnis zur Gründung Neu-Isenburgs.

Anno 1699 muss der damals regierende Graf zu Ysenburg, Johann Philipp, ein ziemlich toleranter Mensch gewesen sein, und selbst heute ist sein Weitblick beachtenswert. Verzweifelte protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich hatten sich in die kleine Grafschaft gerettet und baten um Asyl. Dem Grafen gebühre „ein ehrenvoller Platz in der deutschen Geschichte“, findet Klaus-Peter Decker, ehemaliger Leiter der fürstlichen Archive.

Gerade Toleranz ist ja nicht unbedingt eines der Hauptmerkmale ebendieser Vergangenheit. Doch Neu-Isenburg habe da eine lange Tradition, sagt Hunkel. Im Lauf der Geschichte habe es aber auch Konflikte zwischen den hugenottischen Neu-Isenburgern und ihren Nachbarn gegeben, sagt er. „Der Blick zurück kann uns Heutigen eine Lehre sein“, sagt OB Schneider. „Das ist ein historisches Verdienst, das wir gerne aufgreifen und pflegen.“

Lohnende Toleranz

Viele Länder, etwa Württemberg, Preußen oder Hessen-Kassel, nahmen Ende des 17. Jahrhundert Flüchtlinge auf. Willkommener Nebeneffekt dieser humanitären Geste war ein beeindruckender wirtschaftlicher Aufschwung, denn die Hugenotten brachten Geschick, Fleiß und technisches Können mit. Für Frankreich übrigens bedeutete die Emigration der Protestanten einen katastrophalen Aderlass, der noch jahrhundertelang spürbar blieb.

Ob Johann Philipp zu Ysenburg wusste, dass sein Neu-Isenburg einmal „der wirtschaftliche Motor des Kreises Offenbach“ werden würde, wie Hunkel sagt? Jedenfalls leisteten am 24. Juli 1699 30 Franzosen, sozusagen Neu-Neu-Isenburger, den Untertanen-Eid auf den Grafen und erhielten damit bürgerliche Rechte. Ort des Schwurs war vielleicht die ehemalige Schlosskapelle.

Zu den Privilegien der Neubürger gehörte neben der freien Ausübung des Glaubens auch eine zehnjährige Befreiung von den Steuern. „Das muss man sich heute mal vorstellen“, seufzt Erbprinz Alexander.

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