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Karin Schließmanns kurze Haare wehen im Wind, als sie als erste Teilnehmerin die Zielgerade des Wumbor-Laufs in Rödermark erreicht. Doch die zierliche Frau hat die Strecke von zehn Kilometern nicht zu Fuß überwunden, sondern auf drei Rädern. Denn Schließmann kann nur mit Gehhilfen laufen. Anstatt einen Fuß vor den anderen zu setzen, treibt sie nun ein Handbike an, lässt dank der Kraft ihrer Arme die Rivalen im Windschatten stehen.

Rodgau/Rödermark

Marathon auf drei Rädern

Die frühere Langstreckenläuferin Karin Schließmann ist nach einer harmlos scheinenden Operation auf Gehhilfen angewiesen - trotzdem nimmt sie weiterhin an Rennen teil. Von Anne Jäger

Von Anne Jäger

Karin Schließmanns kurze Haare wehen im Wind, als sie als erste Teilnehmerin die Zielgerade des Wumbor-Laufs in Rödermark erreicht. Doch die zierliche Frau hat die Strecke von zehn Kilometern nicht zu Fuß überwunden, sondern auf drei Rädern. Denn Schließmann kann nur mit Gehhilfen laufen. Anstatt einen Fuß vor den anderen zu setzen, treibt sie nun ein Handbike an, lässt dank der Kraft ihrer Arme die Rivalen im Windschatten stehen.

Auch kurz nach dem Endspurt wirkt sie noch hochkonzentriert. "Das ist das Adrenalin." Nach ein paar Minuten treffen die ersten Läufer am Badehaus ein. Die braungebrannte Sportlerin sitzt nun entspannt in ihrem etwa hüfthohen Handbike, den Po nur knapp über dem Boden.

Dass sie auf Rädern schneller vorwärtskommt als ihre Mitstreiter, ist ihr bewusst. "Die Zeit ist meine Konkurrenz", sagt sie. Ob die Läufer ihre Teilnahme auf Rädern unfair finden? "Ganz, ganz selten fällt mal das ein oder andere böse Wort", sagt die Sportlerin gelassen, "aber Idioten gibt es immer." "Wie lange haben Sie denn gebraucht?", fragt hinterher ein anderer Läufer die Handbikerin. Ein anerkennendes "Uhh" und Pfeifen in der Männerrunde folgt auf Schließmanns Antwort. Sie wird ernst genommen, nicht nur belächelt.

Fatale Folgen einer Operation

Die 52-Jährige aus Jügesheim ist bis 1995 regelmäßig Marathon gelaufen. Dann unterzog sie sich einer Operation am Knie, die eigentlich harmlos verlaufen sollte. Doch irgendetwas ging schief, so dass sie noch einmal operiert werden musste. Seither leidet Karin Schließmann an Arthrofibrose, einem Wucherknie, wie sie es nennt. Weiter an Wettkämpfen teilzunehmen wurde für die passionierte Läuferin unmöglich. "Das war eine ganz, ganz harte Zeit, von heute auf morgen stand ich vor dem Nichts."

In der Hoffnung, ihrer Leidenschaft wieder nachgehen zu können, hatte sie sich damals einer extrem schmerzhaften Behandlung unterzogen. "Da müssen Sie durch, Sie wollen doch wieder laufen", sollen die Ärzte ihr damals versichert haben. Erst nach mehreren Reha-Aufenthalten erfährt sie, dass das gewaltsame Beugen der Knie ihre Lage nur noch verschlechtert hat. Und es kommt noch schlimmer: Seit einem Sturz leidet die Diplom-Sozialpädagogin auch noch an Hüftdysplasie.

Doch anstatt sich zurückzuziehen, sattelte Karin Schließmann aufs Handbike um, mit dem sie fast wöchentlich für den TGM SV Jügesheim antritt. "Ich wünschte mir, dass andere Behinderte sich endlich aus ihren Höhlen trauen, sich nicht so einigeln und vor die Tür gehen", sagt die Frührentnerin.

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