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Der „Cannabus“ sorgt für Aufmerksamkeit bei den Jugendlichen.
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Der „Cannabus“ sorgt für Aufmerksamkeit bei den Jugendlichen.

Corona

Jugendliche kiffen wegen Corona-Blues

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Jugendlichen fehle es in der Corona-Krise an Anlaufstellen und geregeltem Alltag, warnt das Jugendzentrum Langen. Deshalb zieht die Suchthilfe nun mit Bollerwagen durch die Straßen.

Das Gefährt, das mittwochabends zwei Stunden lang durch das Nordend in Langen zieht, erregt Aufsehen: ein Bollerwagen mit Hanfblätter-Lichterketten und einem riesigen Joint obendrauf. Das Langener Jugendzentrum (Juz) hat in Kooperation mit dem Suchthilfezentrum Wildhof diesen „Cannabus“ ins Leben gerufen und tourt damit jeden Mittwoch durch das Quartier mit den vielen Wohnhochhäusern und -blocks. So ein seltsames Vehikel weckt die Neugierde – und so kommen die „Busfahrer“ mit Jugendlichen ins Gespräch, für die das Kiffen gerade jetzt in der Corona-Krise zum Alltag gehört.

Julia Pöhler, verantwortliche Mitarbeiterin des Projekts „Jugend stärken im Quartier“, ist den Teenager:innen und Twens im Nordend schon bekannt: Zusammen mit ihren Jugendzentrums-Kollegen Andreas Rehwald und Steven Reitz macht sie seit einem Jahr mit dem Bollerwagen jeden Mittwoch „Streetwork und Sozialraumarbeit“, wie sie sich ausdrückt. Bislang hatten sie immer warmen Tee geladen, den sie den Jugendlichen auf Spielplätzen, auf dem Platz der Deutschen Einheit und am Bahnhof anboten. So hatten sie einen Gesprächsaufhänger und bauten „Beziehungen“ auf.

Corona hat den Lebensalltag der Jugendlichen nun aber verändert: Freizeitaktivitäten sind nicht mehr oder kaum mehr möglich. „Sie können nicht mehr in den offenen Treff des Jugendzentrums kommen, haben keine Anlaufstelle, wo sie sich zwanglos treffen können“, sagt Julia Pöhler. Nicht nur die Anlaufstelle Juz fehlt, sondern auch der geregelte Alltag, den der Schulbesuch mit sich bringt. Manche seien im Homeschooling benachteiligt, hätten nicht die Ausstattung, um am Online-Unterricht teilzunehmen, könnten ihren Vormittag nicht strukturiert abarbeiten, sagt Pöhler. „Es fehlt an Möglichkeiten, viele Familien wohnen auf sehr engem Raum.“ Weil der Ausgleich fehle, sei auch die häusliche Gewalt gestiegen. Für die Kids sei es auch „nicht schön“, sich dauerhaft vor den Geräten aufzuhalten statt die Freunde Face-to-Face zu treffen. Das Vereinsleben liege darnieder, Fußball auf dem Bolzplatz oder Basketball seien verboten. „Wegen Corona können sich Jugendliche nicht entwickeln und nicht austesten“, so Pöhler. Für sie sei die gegenwärtige Situation „furchtbar“.

„Wenn man dann nur noch Langeweile hat, kifft man halt rum“, erklärt die 30-Jährige. „Dann geht man raus an die frische Luft und hat den Joint in der Hand.“ Weit ist es nicht bis zur nächsten Haschzigarette: Wer in dem Stadtteil vor die Tür geht, dem steigt an vielen Ecken der Geruch von Cannabis in die Nase.

„Das Problem ist nicht neu, der Cannabis-Konsum war in dem Viertel immer sehr groß“, sagt Pöhler. Die Corona-Frustration sorgt nun aber dafür, dass 14- bis 20-Jährige dort vermehrt zur „Tüte“ greifen. Außerdem sei es in diesen Zeiten für die Kids umso schwieriger, das Cannabis-Rauchen zu verringern oder einzustellen. Die Sozialpädagogin spricht von Jugendlichen, deren Alltag vom Kiffen stark geprägt ist und die es nicht mehr schaffen, ohne Joint einzuschlafen. „Das belastet einige durchaus.“

Die Teekanne im Bollerwagen wurde deshalb gegen Präventions- und Informationsmaterial ausgetauscht, das unter dem Blickfang – dem überdimensionalen Joint – mitgeführt wird. Vor einer Woche kam der so kreierte „Cannabus“ als niedrigschwelliges Angebot dann erstmals zwischen 17 und 19 Uhr zum Einsatz. „Wir sind aufgefallen“, blickt Pöhler zurück. „Für eine Gruppe, die wir getroffen haben, war der Cannabus eine Attraktion, und wir waren sehr schnell in Einzelgesprächen.“ Die Jugendlichen hätten sie angesprochen und zum Teil von ihren Drogenerfahrungen erzählt. „Wenn wir merken, dass Interesse da ist, können wir ihnen die Flyer in die Hand drücken“, sagt Pöhler. Außerdem könne man den Kids gute Onlineportale wie www.quit-the-shit.net zeigen, wo sie ihren eigenen Konsum mithilfe eines Tagebuchs reflektieren können. „Unser Anliegen ist es nicht, zu urteilen, sondern aufzuklären und der Verharmlosung entgegenzuwirken“, sagt Pöhler.

Am gestrigen Mittwoch war erstmals der Sozialpädagoge Christian Beek vom Dietzenbacher Suchthilfezentrum Wildhof mit von der Partie. Möglichst einmal im Monat soll er an ihrer Seite im Rahmen des Projekts „Jugend stärken im Quartier“ mit dem Cannabus durch das Nordend ziehen. Der Schritt zu einer Suchtberatung sei für die 14- bis 20-Jährigen nämlich groß. „Jugendliche rufen sehr selten selbst bei Suchtberatungen an, sondern es sind meist die Eltern. Oder sie haben die entsprechende Auflage vom Gericht erhalten.“

Perspektivisch wolle man auch ältere Jugendliche mit auf die Tour nehmen, die viele Jahre selbst konsumiert, aber mit dem Kiffen aufgehört haben. „Die sollen dann erzählen, wie sie das geschafft haben.“

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