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„Täglich muss ich Eltern sagen, dass ich ihr Kind nicht mehr aufnehmen kann“, so Dr. Leinweber. 

Kreis Offenbach

Kreis Offenbach: Nicht genug Kinderärzte

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Wachstum mit Folgen: Im Kreis Offenbach gibt es zu wenig Kinderärzte für zu viele Bewohner. Die verantwortlichen Akteure können keine Besserung versprechen.

Der Kreis Offenbach wächst, große Wohnbauprojekte wurden und werden angestoßen – aber die Zahl der Kinderärzte hat sich nicht erhöht. Ein Dilemma, das die niedergelassenen Mediziner an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bringt, das sich aber aufgrund verschlungener Strukturen im Gesundheitssystem und in den Zuständigkeiten auch nicht so einfach lösen lässt. „Es ist kompliziert“, stellt der Langener Stadtverordnete und Bürgermeisterkandidat Joost Reinke denn auch treffend fest. Er hatte jüngst eine Podiumsdiskussion zur kinderärztlichen Versorgung initiiert.

Die Kinderarztpraxis von Dr. Rüdiger Leinweber in Langen platzt aus allen Nähten. Er musste die Anzahl seiner kleinen Patienten beschränken, nimmt nur noch Kinder bis sechs Jahre auf; ältere Kinder müssen einen Hausarzt konsultieren. Eigentlich liegt die Lösung für dieses Problem auf der Hand: Leinweber betreibt Jobsharing, hat sich schon lange eine Kollegin in die Praxis geholt, die auch gerne mehr arbeiten würde. „Das geht aber nicht, weil ich nur einen Arztsitz habe und mit meiner Praxis nicht mehr als drei Prozent wachsen darf“, sagt er. Arbeiten die beiden zu viel, muss Leinweber Honorar zurückzahlen.

Zwar gibt es die Möglichkeit, einen zusätzlichen Arztsitz als Sonderbedarf bei der Kassenärztliche Vereinigung (KV) anzumelden. Das habe er aber tunlichst sein lassen, sagt er, weil alle niedergelassenen Ärzte diesen Sitz gemeinsam finanzieren müssen; die KV zahlt keinen Cent.

Einer anderen Stadt einen Arztsitz abzuluchsen, sei auch keine Lösung, erklärt Jürgen Merz von der AOK, der als Vertreter der Krankenkassen an der Podiumsdiskussion teilnimmt. Kinderärzte gehören nämlich zur Gruppe der Fachärzte, für die der Bedarf nicht pro Stadt, sondern kreisweit umgelegt wird. Und wenn man mehr Sitze für Kinderärzte schaffe, bedeute das gleichzeitig weniger Sitze für andere Fachärzte im Kreis. Diese Deckelung der Arztsitze könne auch nicht einfach hochgesetzt werden, erläutert Eckhard Starke, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Hessen. „Das muss an höherer Stelle in Berlin entschieden werden.“

Aktuell gibt es 426 Arztsitze für Kinderärzte in Hessen, auf denen 476 Kinderärzte arbeiten. 15 Sitze sind nicht besetzt.

In Neu-Isenburg geben die drei Kinderärzte Ulrike Eckert-Tanzki, Inge Geyer-Sodemann und Peter Mondon im kommenden Jahr wohl aus Altersgründen ihre Gemeinschaftspraxis im Alten Ort auf.

In Rodgau verstarb die Kinderärztin Marion Kindling-Rohracker im Vorjahr. Ihr Arztsitz ist verwaist, aktuell halten Ärzte von außerhalb stundenweise einen Notbetrieb aufrecht. In der größten Stadt des Kreises gibt es damit nur noch die Kinderarztpraxis von Dr. Andreas Hinkel. ann

Wenn ein Ort sehr schnell wachse, sei das ein Problem, räumt Starke ein. Die Bedarfsplanung orientiert sich nämlich an den Zahlen des Landesamts für Statistik – und das hinkt einige Jahre hinter aktuellen Bevölkerungsentwicklungen her.

Leinweber schöpft aber Hoffnung: Ende November beschließt der Landesausschuss, in dem Krankenkassen, die KV, Patienten- und Landesvertreter sitzen, eine neue Bedarfsplanung, die in Hessen 40 Kinderarztsitze mehr vorsieht. „Wenn ein Sitz davon für Langen abfällt, könnte ich meine Kollegin mit einem zweiten Sitz anstellen, und wir könnten wachsen“, sagt er. Starke nimmt ihm jedoch sofort den Wind aus den Segeln: „Wir haben gar keine 40 Kinderärzte in Hessen. Es gibt kaum Bewerbungen.“ Man müsse mehr Ärzte ausbilden, brauche mehr Studienplätze, sagt Merz. „Das kann aber nur das Land Hessen regeln.“

Für die geplanten 40 Sitze gibt es auch nicht mehr Geld. Für die Krankenkassen zählt nämlich die Morbidität. Heißt: Je kranker die Bewohner des jeweiligen Bundeslandes, desto mehr Geld fließt – und die Hessen sind einfach zu gesund. „Das ist der einzige Hebel, über den wir mehr Honorar generieren können“, sagt Starke.

Nach neuer Bedarfsplanung soll auch die Kinderzahl pro Kinderarzt verringert und für die Bürger die zumutbare Anfahrt zu einem Kinderarzt angepasst werden – sie lag bisher bei 40 Minuten Wegstrecke. Aber auch diese Verbesserung wird wohl ins Leere laufen. Immer weniger Ärzte sind nämlich bereit, sich mit einer Praxis selbstständig zu machen und 50 bis 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Sie wollen lieber mit maximal 40 Stunden angestellt sein. Starke nennt Zahlen: Heute gebe es in Hessen 78 Kinderärzte mehr als vor 15 Jahren, aber gleichzeitig 59 Praxen weniger. „Der Trend der Zukunft werden Zentralisierungen sein“, sagt er. „Es wird größere Praxen geben, die weiter auseinanderliegen.“

In Neu-Isenburg hat Bürgermeister Herbert Hunkel (parteilos) wegen der drei scheidenden Kinderärzte (siehe Infobox) bereits vor Wochen ein erstes Gespräch mit der KV geführt. Man bemühe sich um eine Nachfolgelösung, hieß es. Auch die Kinderärzte seien aktiv auf der Suche. Im Januar seien weitere Gespräche geplant – dann mit allen örtlichen Ärzten.

„Sogar zwei Kinderärzte sind für Rodgau zu wenig“, sagt Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD). Doch bei der KV habe die Stadt mit der Forderung nach einen weiteren Sitz „ziemlich auf Granit gebissen“. Jetzt habe sich die Situation durch den Tod der Kinderärztin noch verschärft.

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