Vahid Behrouz (rechts) und Abdulhamid Haj Nasan arbeiten bei der Schoder GmbH an der Fräsmaschine. Foto: Monika Müller
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Vahid Behrouz (rechts) und Abdulhamid Haj Nasan arbeiten bei der Schoder GmbH an der Fräsmaschine. 

Langen

Flüchtlinge in Hessen: Neue Perspektiven an der Fräsmaschine

  • Pitt v. Bebenburg
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Wie Ausbildung gelingen kann: Der Elektrobauer Schoder in der hessischen Stadt Langen bildet zwei geflüchtete Männer aus. Darüber sind sie ebenso früh wie ihr Arbeitgeber.

Vahid Behrouz nimmt die Fräsmaschine routiniert in Betrieb. Der junge Mann in grauem Shirt und roter Arbeitshose setzt seine Schutzbrille auf, stellt die richtige Höhe ein und lässt die Fräse rotieren. Noch ein halbes Jahr, dann hat der Iraner seine zweijährige Ausbildung als Anlagen- und Maschinenführer bei der Metallbearbeitungsfirma Schoder in Langen absolviert. Dann will der 26-Jährige noch ein Jahr draufpacken und Zerspanungsmechaniker lernen.

In seinem Heimatland, dem Iran, hat der Lockenkopf keine Zukunft mehr für sich gesehen. Privat spielt er Gitarre und singt seine Lieder – schon das ist nicht gerne gesehen im Staate der Mullahs. In Hessen hat Behrouz einen neuen Lebensabschnitt begonnen, zusammen mit seiner Freundin, einer Iranerin, die er in Deutschland kennengelernt hat.

Doch nicht nur der Flüchtling ist froh über die neue Perspektive. Auch die Unternehmensleitung findet auf diesem Wege junge Menschen, die sie zu Fachkräften ausbilden kann. Das ist dringend nötig.

„Ohne Flüchtlinge hätten wir die Ausbildungsplätze gar nicht besetzen können“, berichtet Prokuristin Larissa Steinmüller. Das ist kein neues Phänomen, wie ihre Mutter hinzufügt, Firmenchefin Kirsten Schoder-Steinmüller, die das Unternehmen ihres Großvaters in dritter Generation leitet. „Wir müssen uns schon seit sechs bis acht Jahren wirklich um Azubis bemühen“, sagt sie.

Dafür nimmt Schoder-Steinmüller die zusätzlichen Hürden in Kauf, die mit der Beschäftigung von Flüchtlingen einhergehen. Ein Jahr lang werden die jungen Leute, meistens Männer, auf die Ausbildung vorbereitet. In dem Projekt „Einstiegsqualifizierung und Sprache“ der Industrie- und Handelskammer (IHK) absolvieren die geflüchteten Menschen an drei Tagen pro Woche ein Betriebspraktikum und besuchen an den übrigen zwei Tagen den maßgeschneiderten Schulunterricht. Dort erwerben sie neben Deutschkenntnissen für den Alltag und den Beruf auch mathematische Grundlagen und erlernen den Umgang mit dem Computer.

Die Europäische Union (EU) förderte dieses Projekt. Doch zum Bedauern der Praktikerinnen aus Langen wurden die Bedingungen verschärft, unter denen Geld aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) fließt. Die Förderrichtlinien schlössen jetzt einen großen Teil der eigentlichen Zielgruppe aus, so dass das erfolgreiche Projekt nicht fortgesetzt werde, berichtet Schoder-Steinmüller, die seit gut zwei Jahren auch als Offenbacher IHK-Präsidentin amtiert. Heute also hätten weder Vahid Behrouz noch sein syrischer Lehrlingskollege Abdulhamid Haj Nasan diesen Weg gehen können – zum Verdruss des Unternehmens.

Der 25-jährige Haj Nasan kam wie der 26-jährige Behrouz 2015 nach Deutschland. Seine Eltern und seine beiden Brüder leben nach wie vor in einem Dorf nahe der Stadt Aleppo. Der angehende Maschinen- und Anlagenführer versucht, sie von seiner Azubi-Vergütung finanziell zu unterstützen.

Haj Nasan studierte vier Semester Maschinenbau in Syrien, ehe er floh. Behrouz hat nach eigenen Angaben im Iran als Maschinenführer in einer Eisfabrik gearbeitet. Man merkt es. „Die beiden hatten von Anfang an handwerkliches Geschick“, berichtet Larissa Steinmüller. Das könne man wahrlich nicht von allen sagen, die sich für eine Ausbildung bewürben. Und deren Zahl gehe ohnehin zurück.

Sieben Auszubildende hat die Schoder GmbH in ihren Reihen, bei insgesamt 70 Beschäftigten. Der Fachkräftemangel sei „tatsächlich da“, die Rente mit 63 habe darüber hinaus einen „unheimlichen Aderlass“ gebracht, klagt Geschäftsführerin Schoder-Steinmüller. „Wir versuchen, für den eigenen Nachwuchs auszubilden.“ Das sei aber nicht einfach.

Bei den Flüchtlingen kommt ein zusätzliches Problem hinzu – das Aufenthaltsrecht. Wie lange der Iraner Behrouz und der Syrer Haj Nasan nämlich in Deutschland bleiben dürfen, ist ungewiss. So lange ihre Asylverfahren nicht abgeschlossen sind, können sie von der sogenannten „3+2“-Regelung profitieren. Sie sieht vor, dass Flüchtlinge, die sich noch im Asylverfahren befinden, für den Zeitraum der Ausbildung vor Abschiebung geschützt sind. Finden sie nach der Ausbildung schnell eine Stelle als Fachkraft, dürfen sie weitere zwei Jahre bleiben. Danach wird neu entschieden. Doch ob die Firma Schoder auf Dauer neue Zerspanungsmechaniker gefunden hat, kann heute niemand sagen.

Zumal sich auch die Perspektiven der Flüchtlinge ändern können. Ein 19-jähriger Flüchtling aus Afghanistan brach seine Graveursausbildung bei der Schoder GmbH nach einem Jahr überraschend ab, obwohl die Firma sehr zufrieden mit ihm war und ihn gerne weiter beschäftigt hätte. Doch der junge Mann sah bessere Aussichten in einem anderen Beruf und wechselte, trotz aller Versuche, ihn und seine Verwandten umzustimmen.

„Wir haben wirklich das Möglichste getan“, schildert Larissa Steinmüller. Doch das Verständnis für die duale Ausbildung fehle bei vielen Menschen aus dem Ausland, erklärt ihre Mutter. Der Wunsch, schnell Geld heimzuschicken, sei manchmal größer als die langfristige Perspektive auf eine gute Ausbildung.

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