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Kampf unter Freunden

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Von: Claudia Isabel Rittel

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Im Boxclub in Dietzenbach kam es zu einer außergewöhnlichen Begegnung. Da trafen sich Jugendliche aus der Partnerstadt Kostjukovitschi und Dietzenbacher im Ring.

„Unsere weißrussischen Leute sind richtige Profis“, sagt Dörte Siedentopf. „Die nehmen das ganz ernst.“ Die pensionierte Ärztin und Vorsitzende des Freundeskreises Kostjukovitschi weiß: Die drei Gäste machen jeden Morgen einen Waldlauf und trainieren täglich.

Aufwärmen, Koordination, Motorik und Partnerübungen – Verständigungsprobleme gab es keine. „Sport spricht alle Sprachen“, sagt Boxtrainer Patrick Karger. Beim anschließenden Sparringskampf ging es in erster Linie um Technik und nicht ums K.-o.-Schlagen. Das würde auch kaum zur Freundschaft passen. Schließlich stand von Anfang an das Helfen im Vordergrund.

Anlass für die Partnerschaft zwischen Dietzenbachern und Menschen aus Kostjukovitschi war nämlich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. „Kostjukovitschi ist die Stadt, über der die radioaktive Wolke abgeregnet wurde, damit sie nicht nach Moskau zieht“, sagt Yvonne Tesch-Klühspies, die Vorsitzende des Vereins für internationale Beziehungen.

Im Jahr 1990 schickten Dietzenbacher erstmals Hilfsgüter dorthin, 1991 kamen erstmals Jugendliche zu einer Erholungsfreizeit nach Dietzenbach. Seitdem kommt jedes Jahr eine Gruppe von Siebtklässlern aus der 19000-Einwohner-Stadt zu Besuch, zwei Mal im Jahr fährt ein Hilfstransport nach Weißrussland.

Während früher aber eher medizinisches Gerät geschickt wurde, sind es jetzt Computer oder gebrauchte Fahrräder. Unterstützung bekommen die verschwisterten Städte von der weißrussischen Politik aber nicht. Im Gegenteil.

Präsident Alexander Lukaschenko, der auch gerne als der letzte Diktator Europas bezeichnet wird, hat die Freundschaft der Städte immer wieder zu torpedieren versucht. Anders als im Boxring waren die politischen Regeln nicht immer klar. 2004, so die Stadt Dietzenbach, sah er die Kinder „schädlichen Werten und Moralvorstellungen ausgesetzt“; ein andermal wollte er Minderjährigen die Ausreise verweigern oder er verlangte 3000 Euro für die Visa der Hilfskräfte.

Und er war es auch, der 2008 einen Staatsvertrag für die Besuche verlangte – aus Angst, die Kinder könnten nicht zurückkommen. Den bekam er nicht. Doch er machte Offenbach und Kostjukovitschi offiziell zu Partnern – nach fast 20-jähriger Freundschaft.

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