Tags darauf ist die Polizeipräsenz vor den Hochhäusern der Dietzenbacher Großwohnanlage erhöht worden.
+
Tags darauf ist die Polizeipräsenz vor den Hochhäusern der Dietzenbacher Großwohnanlage erhöht worden.

Feature

Hinterhalt in Dietzenbach: „Jetzt ist der Vulkan wieder explodiert“

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
    schließen

Krawalle in einem ehemaligen Brennpunktviertel in Dietzenbach überraschen Anwohner, Polizei und Politik.

Das Video schockiert: ein hoch loderndes Feuer, Rufe von Einsatzkräften – und plötzlich ploppende Geräusche von Steinen, die auf die Feuerwehrautos geworfen werden. Einer der Hausmeister der Hochhäuser im sogenannten Spessartviertel in Dietzenbach hat es auf seinem Handy, zeigt der FR-Reporterin damit, was in der Nacht von Donnerstag auf Freitag vor seinen Augen passiert ist: Polizisten und Feuerwehrleute wurden in der Großwohnanlage in einen Hinterhalt gelockt und zwei Stunden lang angegriffen.

Tags darauf: Rauchgeruch zwischen den fünf trostlosen Hochhäusern, in denen insgesamt rund 5000 Menschen wohnen, ein verkohlter Bagger am Straßenrand. Die Krawallmacher von Dietzenbach* hatten ihn gegen Mitternacht angezündet und fast zeitgleich weitere Brände gelegt. An einem großen orangen Abfallcontainer hinter einem der Hochhäuser sind noch Reste von Löschschaum erkennbar. „Der darin gelagerte Sperrmüll hat gebrannt, bis zum 10. Stock hoch“, sagt Marcel Haufschild von der Immobilienverwaltung Rosenpark – so heißt das ehemalige Brennpunktquartier im östlichen Spessartviertel seit einigen Jahren. Schon einmal, im Juli 2005, war dort Randale angesagt, griffen Jugendliche Polizei und Feuerwehr an, brannten Autos und Mülltonnen, war Dietzenbach tagelang in den Medien.

Haufschild deutet auf die Hauswand: „Sehen Sie, da ist es verkohlt, und im dritten Stock sind die Fenster von der Hitze zerplatzt.“ Dann zeigt er auf versengte Erde an der Ecke des riesigen Parkdecks, das hinter den Hochhäusern angelegt ist. „Da hat es vorgestern Nacht gegen Mitternacht schon gebrannt. Da ging es los.“ Er hat Angst, dass es auch in den kommenden Nächten brennt.

Ein Blick vom Parkdeck, von dem die Rettungskräfte angegriffen wurden, auf den Metallcontainer, der gebrannt hat.

Vom Parkdeck aus hätten die rund 50 Angreifer die Einsatzkräfte in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit Brandsätzen und mit Steinen beworfen, sagt Haufschild. Steine, die dort ganz leicht zu organisieren sind: Ein paar Meter weiter läuft die S-Bahn vorbei, lose Steine liegen in Massen rechts und links der Bahnschienen. Vom Parkdeck aus führen Treppen zu den Schienen.

Kommentar zum Angriff: Hilflose Rufe nach harten Strafen in Dietzenbach

Die Feuerwehr sei um Mitternacht zu einem Kleinbrand alarmiert worden, sagt Stadtbrandinspektor Michael Plahusch. „Brennender Bagger“, habe es geheißen. Als die ersten Löscharbeiten begannen, seien einige Steine auf das Löschfahrzeug geschlagen. Nachrückende Kräfte seien dann schon „mit Steinen empfangen worden“. Die Polizei sei schließlich mit großer Zahl da gewesen, um die Feuerwehrleute mit ihren Schutzschilden zu decken.

Krawalle in Dietzenbach: Mülltonnen und Container brennen

Einer der Hausmeister hat gesehen, wie etwa zehn Jugendliche zwischen den Autos „rumgebastelt“ haben, wie er sich ausdrückt. „Die haben dort Benzin in Flaschen gefüllt, mit denen sie geworfen haben“, sagt er. Er kennt die Angreifer: „Tagsüber sind die Jungs ganz normal, abends sind sie besoffen und bekifft.“ Er deutet auf einen Papierkorb auf der Wiese zwischen zwei Hochhäusern: „Der hat heute Nacht auch gebrannt. Ich habe zwei Kannen Wasser geholt und das Feuer gelöscht.“ Den großen Brand in dem orangen Sperrmüllcontainer sei er mit einem Feuerlöscher angegangen, habe aber damit nichts ausrichten können.

In der Nacht davor hätten hier schon zwei Mülltonnen gebrannt, eine alte Couch und ein Roller. Auch da sei die Polizei schon mit Steinen beworfen worden, „aber heute Nacht war es schlimmer“.

Der Müllcontainer, der gebrannt hat.

In den Hochhäusern ginge jetzt die Angst um. „Mindestens 50 Leute wissen ganz genau, wer das war, aber keiner will was sagen.“ Der Hausmeister hat dafür Verständnis. „Heute brennt mein Auto, morgen meine Wohnung, übermorgen meine Frau.“

Man könne sich nicht mehr sicher fühlen, meint auch Haufschild, und berichtet, man werde hier zum Teil mit Kartoffeln beschmissen. Sicherheitsdienste, die er mit der Bewachung der Hochhäuser beauftragen wollte, hätten ihm nach den nächtlichen Vorfällen abgesagt, einer der Hausmeister habe ihm sofort gekündigt. „Wir hatten lange Zeit Ruhe, jetzt ist der Vulkan wieder explodiert.“

Er vermutet einen Zusammenhang mit der Festnahme einiger Jugendlicher vor ein paar Tagen auf dem Lohrer Weg. „Die wurden von den Polizisten auf den Boden geworfen“, sagt er, und fordert im nächsten Atemzug mehr Polizeipräsenz. „Vier Wagen fahren in einer 30.000-Einwohner-Stadt Streife“. Das sei zu wenig. Es sei aber auch wichtig, der Jugend im Viertel mehr Alternativen zu bieten. Es gebe hier 50 bis 100 Jugendliche, die „aus allen Ecken angelaufen kommen“. Um zehn Uhr abends öffne die „jugendliche Straßenapotheke“. „Alle wissen Bescheid und holen sich ihre Drogen ab.“

Dietzenbach: „Überall war Polizei, Feuerwehr und ein Hubschrauber“

Einer der Bewohner hat auf Glasscheiben der Notausgang-Treppenhäuser schon brisante Kritzeleien entdeckt. „Da hat jemand die Preise für alle möglichen Drogen hingeschrieben“, sagt er. Die Hausverwaltung habe das zwar entfernt, aber die Drogenpreise seien trotzdem „zwei- bis dreimal wieder aufgetaucht“.

Eine Bewohnerin, die gerade des Wegs kommt, schildert ihre nächtlichen Eindrücke: „Einer hat laut Hurensohn gerufen, es gab schwarze Rauchwolken, weil der Bagger brannte, und dann war überall Polizei, Feuerwehr und ein Hubschrauber.“ Bis 5 Uhr morgens habe sie kein Auge zugemacht. „Wenn man sich aus allem heraushält, ist alles in Ordnung“, sagt sie.

Wahlkreisabgeordneter Ismail Tipi ist am Vormittag an den Ort des Geschehens geeilt. „Das ist nichts Typisches für Dietzenbach, das kann und wird überall in Deutschland passieren“, sagt er. Trotzdem seien die nächtlichen Vorfälle alles andere als ein Kavaliersdelikt, seien auf die härteste Art zu verurteilen. „Wer Polizei und Rettungsmannschaften angreift, greift unsere Gesellschaft an.“ Gerade in Dietzenbach leiste die Polizei sehr gute Arbeit, engagiere sich auch ehrenamtlich. Die Stadt habe eine sehr hohe Willkommenskultur, hier zähle Menschenliebe und Fremdenfreundlichkeit. „Die Dietzenbacher werden jetzt noch mehr zusammenhalten, werden sich zusammenschweißen“, ist er sich sicher.

Krawalle in Dietzenbach: Bürgermeister spricht von „schwerem Landfriedensbruch“

Hinweise erbeten

Die Polizei bittet Zeugen um Mithilfe bei der Aufklärung der nächtlichen Angriffe. Das Polizeipräsidium Südosthessen hat einen Hinweisserver eingerichtet. Unter dem Link https://polizei-hinweise.de/wurf können Videoaufnahmen, Bilder oder sonstige festgestellten Beobachtungen übermittelt werden. Telefonische Hinweise nimmt die Kriminalpolizei unter der Rufnummer 069 8098-1234 entgegen.

Über das Wochenende hinaus wird das Polizeipräsidium Südosthessen von Beamtinnen und Beamten der Bereitschaftspolizei unterstützt. Sie werden verstärkt im Bereich Dietzenbach präsent sein. ann

„Die Vorfälle in der Großwohnanlage haben sich für uns nicht angebahnt“, erklärt Bürgermeister Jürgen Rogg (parteilos) in einer Pressekonferenz. Er spricht von „schwerem Landfriedensbruch“, man wisse aber noch nichts über das Motiv. Über ein Jahrzehnt gebe es für das Spessartviertel Bildungsprogramme, Quartiermanager und Streetworker, die Kriminalität sei dort seit Jahren rückläufig, sagt Sozialdezernent Dieter Lang (SPD). Menschen aus mehr als 80 Nationen würden hier friedlich und mit gegenseitigem Respekt zusammenleben. „Ich lasse nicht zu, dass diese Arbeit zerstört wird.“ Hüsamettin Eryilmaz, Vorsitzender des Kreisausländerbeirats, bittet die Öffentlichkeit, die Mehrheit der Anwohnerinnen und Anwohner des Spessartviertels nicht pauschal einer Vorverurteilung und Beschuldigung auszusetzen.

Eine eigene Arbeitsgruppe im Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach soll sich mit dem Geschehen von Freitagnacht befassen. Die Sorge ist groß, dass die Kriminalität im Spessartviertel wieder zunimmt. Bestrebungen, Zustände wie im Jahr 2005 wieder herzustellen, wolle man nun „im Keim ersticken“, so ein Polizeisprecher. Deshalb werde die Präsenz in Dietzenbach in den kommenden Tagen „deutlich erhöht“. (mit fab)

*op-online.de ist Teil des bundesweiten Ippen-digital-Redaktionsnetzwerks

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare