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Auf der Jagd nach den Autoknackern

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Von: Andreas Hartmann

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Manfred Dommasch vom Erkennungsdienst sucht im Polizeilabor nach Fingerabdrücken auf der Scheibe eines Land Rover aus Dreieich. Der Besitzer hatte den Dieb gestört.
Manfred Dommasch vom Erkennungsdienst sucht im Polizeilabor nach Fingerabdrücken auf der Scheibe eines Land Rover aus Dreieich. Der Besitzer hatte den Dieb gestört. © Renate Hoyer

Ein Besuch im Kommissariat 22: Ilona Kärtner, Leiterin von K22, erklärt, wie hoch die Aufklärungsquote bei Autodiebstählen in ihrem Zuständigkeitsbereich Stadt und Kreis Offenbach ist.

Manchmal kommen die bösen Buben fast wie bestellt. Gerade hat Ilona Kärtner, Leiterin des Fachkommissariats K22, noch erklärt, wie hoch die Aufklärungsquote bei Autodiebstählen in ihrem Zuständigkeitsbereich Stadt und Kreis Offenbach ist, da klingelt das Telefon. Soeben hat ein Mann versucht, bei der Zulassungsstelle in Dietzenbach ein in Frankreich gestohlenes Auto anzumelden. Er ist erst einmal festgenommen worden – Kärtners Kollege Christian Pfister wird ihn heute noch vernehmen. Bei einem ähnlichen Fall in Langen konnte der mutmaßliche Hehler, der einem nichtsahnenden Käufer einen geklauten Geländewagen andrehen wollte, kürzlich im letzten Moment entkommen.

Zurück zur Aufklärungsquote: Die lag 2014 im Bereich des Polizeipräsidiums Südosthessen – also in Stadt und Kreis Offenbach, Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis – bei den Autodiebstählen bei knapp 30, bei den Autoaufbrüchen bei etwa 40 Prozent. Für Stadt und Kreis Offenbach ist das K22 in der Otto-Hahn-Straße in Dreieich zuständig. In dem Industriegebiet ist ein Kommissariat untergebracht, von dessen Arbeit nur höchst selten in Fernsehkrimis erzählt wird.

Denn hier geht es ja nicht um Mord und Totschlag, sondern in der Regel um Eigentumsdelikte – da ist der Sensationswert nicht sehr hoch. „Aber es ist doch einer der interessantesten Bereiche bei der Polizei“, sagt Kriminaloberkommissar Pfister, 34. „Man muss sich ständig weiterbilden, weil die technische Entwicklung rasant ist. Das macht es so faszinierend.“ Prävention sei hier besonders wichtig; mit wenig Aufwand könne man schon viel verhindern, sagt er (siehe Kasten).

Vor allem sollten Zeugen auch bei Verdachtsfällen immer die Polizei rufen. „Für uns ist das ganz entscheidend“, sagt er. Selbst aktiv werden sollten Autobesitzer nicht. Wenn sie nachts Unbekannte an ihrem Wagen beobachten, rät er dringend: „Wählen Sie die 110, wir kommen sofort.“

Pfister hat für die Kollegen ein Flugblatt entwickelt, das diese nach Straftaten rasch in der Nachbarschaft verteilen können. Oft seien auch kleine, unbedeutend scheinende Beobachtungen für die Polizei sehr hilfreich.

Die Arbeit des K22 in Dreieich wird von der Öffentlichkeit meist kaum wahrgenommen, doch sind die Opfer solcher Straftaten oft tief verstört. Wenn ein Autoknacker etwa die Handtasche mit Dokumenten und vielleicht auch persönlichen Erinnerungsstücken erbeutet, wenn das sorgfältig gepflegte teure Auto plötzlich verschwunden ist oder nur noch ein ausgeschlachtetes Wrack ohne Reifen, Lenkrad und Airbag zurückbleibt, dann empfinden viele Menschen das als Angriff auf ihre Intimsphäre.

Die materiellen Schäden allerdings sind ebenfalls enorm: „So ein kompletter Reifensatz für einen schnellen Sportwagen kann auch schon mal 10 000 Euro kosten“, sagt Pfister. Er berichtet von zwei völlig verschiedenen Tätergruppen. Die einen stehlen ein Auto, weil sie damit eine Spritztour machen wollen, und schlagen Autofenster ein, weil sie mit der Beute ihre Sucht finanzieren oder, salopp gesagt, ihr Taschengeld aufbessern.

Die anderen arbeiten hoch spezialisiert in bestens organisierten Banden, die die gestohlenen Autos – fast immer sind es aktuell teure Geländewagen – innerhalb kürzester Zeit nach Osteuropa und in die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion schaffen.

Von einem spektakulären Fall aus Dreieich, der ein wenig Licht auf die Arbeitsweise dieser Banden wirft, konnte die Polizei Mitte April dieses Jahres berichten. An der A13 entdeckten die Beamten schon wenige Stunden nach dem Diebstahl in Sprendlingen eine dort geparkte Luxuskarosse, weil deren Eigentümer ein GPS-Ortungsgerät eingebaut und sofort nach dem nächtlichen Diebstahl die Polizei alarmiert hatte. Nur Augenblicke nach der Festnahme des ersten Fahrers fiel den Polizisten im Gegenverkehr ein ebenfalls in dieser Nacht in Sprendlingen gestohlener Wagen auf, auch hier ein BMW, auch dieser schon auf der Fahndungsliste.

„Das muss schnell gehen“, sagt Pfister. Oft bemerkten Autobesitzer den Verlust ja erst morgens. Hier hatte die Polizei aber doppelt Glück: Nach einer Verfolgungsjagd konnte auch der zweite Fahrer gestellt werden. Offensichtlich war hier ein hervorragend organisierter Konvoi Richtung polnische Grenze unterwegs.

Auch die Technik der Banden ist eindrucksvoll: Da werden oft in einer Nacht gleich mehrere Autos in der Nachbarschaft fachgerecht aufgebrochen und ausgeweidet, unter Zeitdruck und im Dunkeln. Die Technik der Autos und das Geschick der Diebe hätten sich in den vergangenen Jahren rasch entwickelt, sagt Pfister.

Ganz neuer Trick

Ein ganz neuer Trick der Autodiebe beispielsweise ist ein Sender, der bei hochmodernen Wagen Kontakt mit dem Schlüssel-Chip im Haus aufnimmt, das Auto so gewaltlos öffnet und startet. „Da genügt es, den Schlüssel Zuhause in Alufolie zu wickeln. Dann funktioniert das schon nicht mehr“, rät Pfister. Im Kreis Offenbach ist ihm diese Technik aber noch nicht untergekommen.

Doch auch die Technik und die Ausbildung der Polizei wird immer besser, die Spurensicherung von Fingerabdrücken oder auch von Erbgut etwa in am Tatort gefundenen Speichelresten immer genauer. „Ja, bei der Technik hat sich viel verändert“, sagt Kriminalhauptkommissarin Kärtner, 53, die eine der ersten Polizistinnen in Uniform in Hessen war und seit August 2014 die Chefin des K22 ist. Sie erinnert sich noch gut, wie aufwendig früher allein Blutuntersuchungen waren.

„Wir haben ein sehr gut ausgebildetes Team. Das ist einer der wenigen Bereiche, wo man mit der technischen Entwicklung mitwachsen kann. Letztlich ist das ja ein Wettrennen zwischen Polizei und Tätern“, sagt sie.

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