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Dietzenbach

"Ich sehe mit den Ohren"

  • VonFrank Sommer
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Der blinde Musiker Mohamed Metwalli aus Dietzenbach hilft, Berührungsängste abzubauen. Er promoviert an der Frankfurter Musikhochschule, tritt mit seiner Jazzband Blind Foundation auf und spielt Orgel in Gottesdiensten.

"Der Hall ist gut", sagt Mohamed Metwalli. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch die Orgel der Dietzenbacher Christuskirche habe einen schönen Klang. „Sie passt zum Klangraum des Kirchenschiffs“, sagt der 34-Jährige. Mohamed Metwalli muss es wissen, verfügt er doch über das absolute Gehör. „Ich sehe mit den Ohren“, sagt der sehbehinderte Musiker über sich selbst. Seit vergangenem Oktober wohnt er mit seiner Frau und vierjährigen Tochter in Dietzenbach.

„Ein blinder, muslimischer Musiker, der gern christliche Orgelmusik spielt – damit bin ich garantiert ein Exot“, sagt er und lacht. In Beirut, seiner Geburtsstadt, wurde früh sein Talent entdeckt. „Ich erfuhr große Unterstützung durch meine Eltern: Was es bedeutet, mitten im libanesischen Bürgerkrieg für ein Kind Klavier- und Geigenunterricht zu organisieren, das kann man sich hier kaum vorstellen.“ 1990 kam Metwalli nach Deutschland, an der Musikhochschule Hannover erhielt er Musik- und Kompositionsunterricht. Und lernte seine große musikalische Liebe kennen: Bach und die Orgelmusik. Zuvor spielte er hauptsächlich Mozart. „Plötzlich hörte ich diese Töne, diese herrlichen Orgeltöne: Ich war völlig fasziniert.“

Musik kann ein Weg zu Gott sein

„Wenn Du Bach liebst, kommst Du an seiner geistlichen Musik nicht vorbei“, sagte ihm sein Lehrer. „Also habe ich mir die Bibel in Blindenschrift besorgt und lernte die christliche Liturgie – ich wollte verstehen, was ich spiele und nicht bloß Noten wiedergeben.“ In Hannover, später als Student in Marburg, begleitete er Gottesdienste auf der Orgel. Nach einem Weihnachtsgottesdienst kam einmal eine Frau zu ihm und dankte ihm für sein Orgelspiel: „Es habe ihr das Licht der Weihnacht gebracht – und das, obwohl ich blind und Moslem bin“, erinnert er sich an ihr Kompliment, das ihn tief bewegte. Gerne, sagt er, würde er auch einmal in einer Synagoge spielen. Musik hat für Metwalli eine verbindende Kraft. „Musik kann ein Weg zu Gott sein. Ich denke, es gibt viele Wege zu ihm – jede Religion stellt doch nur einen Weg dar. Wir müssen selbst unseren Weg finden.“

Zur Zeit promoviert Metwalli an der Frankfurter Musikhochschule, mit der Jazz-Band Blind Foundation absolviert er viele Auftritte im Jahr. Auch wenn er selbst früh begann, sich professionell mit Musik zu beschäftigen, den Musikmarkt sieht er kritisch. „Ständig wird Neues verlangt, nur die Optik zählt noch: Was aus den ganzen Wunderkindern wird, wenn sie nach vier, fünf Jahren verbraucht sind, interessiert doch keinen.“ Metwalli verweist auf Adorno, wenn er sagt, dass das Publikum eben vorgesetzt bekomme, was es toll zu finden habe.

Kein Grund, sich zurückzuziehen

„Als Blinder muss ich eigentlich doppelte Leistung erbringen, um zu überzeugen“, sagt Metwalli. Aber die Musik helfe, Berührungsängste abzubauen. „Häufig begegnet mir das Vorurteil, dass Blinde nur in Behindertenwerkstätten arbeiten. Aber wenigstens trauen sich die Deutschen, einen nach seiner Behinderung zu fragen. In Ägypten oder Syrien traut sich das keiner, da wird höchstens ein frommer Spruch gemurmelt.“

Die Sehbehinderung ist für Metwalli kein Grund, sich zurückzuziehen. In Dietzenbach nahm er Kontakt zur Ehrenamtsbörse auf. Der 34-Jährige, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat, möchte sich in die Gesellschaft einbringen. Karin Winkler-Deneberger vom Ehrenamtsbüro gibt zu, dass sie zunächst skeptisch war, als Metwalli ihr begegnete. Rasch stellte sie aber Kontakte zur Christusgemeinde her, nach Ostern wird Metwalli hier Gottesdienste an der Orgel begleiten. „Dass ein hochbegabter Musiker sich anbietet, für eine Gemeinde zu spielen, das kommt nicht alle Tage vor“, sagt sie. Gerne hätte er schon Ostern gespielt, sagt Metwalli, doch das haben seine Konzerttermine verhindert – und ein lange geplanter Familienurlaub.

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