+
Dagmar Kroemer hat ihren Fuß auf die Reste des einstigen Mörtelmischers gestellt.

Mainhausen

Hobbyarchäologen in Zellhausen sind den Ottonen auf der Spur

  • schließen

In Zellhausen graben Hobbyarchäologen wieder nach Relikten aus dem 10. Jahrhundert.

Für den Laien klingt es absurd, wenn Dagmar Kroemer, Archäologin beim Kreis Offenbach, von einem Mörtelmischer erzählt, den die Ottonen im 10. bis 11. Jahrhundert betrieben. Und doch haben freiwillige Helfer in den vergangenen zwei Wochen zwei dieser Exemplare bei archäologischen Grabungen auf dem Zellhügel in der Gemeinde Mainhausen freigelegt. Ein seltener Fund: Von den aus Mörtel gegossenen kreisrunden Plattformen seien in ganz Europa bisher nur 60 Stück gefunden worden, so Kroemer.

Wieder einmal haben bis zu zwölf Hobbyarchäologen unter Leitung der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises Offenbach in den ersten beiden Aprilwochen den Spaten geschwungen, um Mittelaltergeschichte aufzudecken. Zum neunten Mal wurde am Ortsrand des Ortsteils Zellhausen gegraben – dort, wo einst die Zellkirche und eine bis zu 10 000 Quadratmeter große Flächenburg stand. 2009 fanden dort die ersten archäologischen Grabungen statt.

130 Quadratmeter Ackerscholle wurden diesmal vorsichtig abgehoben. Man habe die Arbeiten ins Frühjahr verlegt, nachdem der vorige Sommer für Grabungen viel zu heiß und zu trocken war, sagt Ludwig Stenger, Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins Mainhausen, der die Organisation innehatte. Da der Acker schon eingesät war, habe man sich diesmal flächenmäßig beschränkt, so Stenger. Der Landwirt werde entsprechend entschädigt.

Fein säuberlich geordnet liegt auf einem kleinen Tisch das, was die freiwilligen Helfer diesmal aus der Karolingerzeit (9. Jahrhundert) und der Ottonenzeit (10. Jahrhundert) auf dem Zellhügel gefunden haben: Tierknochen von Pferd, Rind, Schwein, Ziege und Reh, Reliefband-Amphorenscherben, eine Steinklinge, Silbermünzen, ein Leistenziegel, kleine bronzene Gewandspangen, die teilweise mit Emailleeinlagen verziert sind, Scherben von grauer Kochgeschirr-Glimmerware aus dem 9. bis 13. Jahrhundert, die laut Kroemer typisch ist für Südhessen, ein Stück blaues Fensterglas. Das blaue Glas lasse darauf schließen, dass dies kein kleiner Bauernhof war, sondern ein Herrenhof des Adels, der dann massiv befestigt und zu einer sogenannten Heinrichsburg ausgebaut wurde, sagt Kroemer. „Auf Bauernhöfen gab es so etwas nicht.“ Sogar vorgeschichtliche Keramik haben die Helfer entdeckt: Scherben aus der Hallstattzeit hatten sich in einer Schwemmschicht eingelagert. Kroemer datiert sie auf 800 bis 700 vor Christus.

Viele Tierknochen traten bei den Grabungsarbeiten zutage.

Wolfhard Kallweit aus Kleinauheim, Mitglied im Geschichts- und Heimatverein Mainhausen, ist der Mann mit der Metallsonde. Er hält gerade sein Lieblingsstück in der Hand: ein kleiner bronzener Drachen, der vermutlich einen Lederbeutel gefasst hat oder ein Ortband war, der untere Beschlag einer Schwertscheide. „7. bis 9. Jahrhundert“, sagt er.

Erstmals sind die Freiwilligen laut Gesine Weber, ebenfalls Archäologin beim Kreis Offenbach, auf ein großes Stück der Burgbefestigungsmauer gestoßen. Ebenfalls eine Seltenheit, denn nach Aufgabe der ottonischen Siedlung brachen spätere Völker Löcher in die Mauern, um Steine für ihre Bauten zu haben. „Hier ist eine steinarme Region“, begründet sie.

Die beiden kreisrunden Mörtelscheiben sind hier übrigens nicht einzigartig: Bereits bei einer früheren Grabung war ein solches Exemplar entdeckt worden. Die Archäologen hatten es damals aber falsch gedeutet. Jetzt kennt man das Prinzip: Die Scheibe war einst eine Wanne mit hölzernem Mittelpfosten, auf dem ein hölzernes, drehbares Rührwerk zur Anmischung von Mörtel saß. Der Antrieb erfolgte entweder mit Menschen oder mit Zugtieren. Die Ottonen befestigten mit dem Mörtel Steine in ihren Mauern. Nach Gebrauch wurden die Ränder der Wanne abgebrochen und die Grube wurde eingeebnet.

Wer einen Blick auf die Grabungen werfen will, muss sich beeilen. Bis Dienstag bleibt die Grube noch offen, damit ein Bodenkundler aus Frankfurt den fünf Mal fünf Meter großen schwarzen Brandfleck, den man ebenfalls fand, noch untersuchen kann. Am Gründonnerstag kommt dann der Bagger und schüttet alles wieder zu.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare