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Oleg (links) und Sascha aus Weißrussland sind zurzeit zu Besuch bei Familie Voltz.

24 Jahre nach Tschernobyl

Mit Händen, Füßen, Wörterbuch

Gerhard und Gerda Voltz beherbergen zwei Jungen aus Dietzenbachs weißrussischer Partnerstadt Kostjukovitschi. FR-Mitarbeiterin Anne Jäger hat Gäste und Gastgeber gefragt, wie sie miteinander zurechtkommen.

Von Anne Jäger

Still sitzen Oleg und Sascha auf der Terrasse von Gerhard und Gerda Voltz. Sascha kratzt sich verlegen am Arm. Seit knapp zwei Wochen sind die 13-Jährigen aus der Partnerstadt Kostjukovitschi in Dietzenbach zu Gast. An dem Gespräch mit ihren Gasteltern beteiligen sie sich nur, wenn Roman Plawinski, Betreuer des Projekts, ihnen die Fragen übersetzt. Dann sprudeln die braungebrannten Jungs los – in einer Sprache, die Gerhard und Gerda Voltz wiederum fremd ist.

Ob der Besuch eine große Umstellung ist? „Wir haben selbst zwei Buben, wir kennen das“, erzählt Gerhard Voltz lächelnd. Beide Söhne wohnen jedoch nicht mehr zu Hause. „Deshalb war die größte Umstellung für mich, wieder so viel zu kochen“, sagt Gerda Voltz. Die Verständigung funktioniert mit Händen und Füßen sowie einem kleinen Wörterbuch.

Sascha und Oleg lernen seit ein paar Jahren Deutsch in der Schule – Voraussetzung für den Austausch – und verstehen auch einige Wörter. So zum Beispiel, wann sie vom Spielen wieder zu Hause sein sollen. „Dann zeige ich auf die Uhr“, sagt Gerda, „aber die Uhrzeiten auf deutsch kennen sie auch schon“.

„Die Jungs aufzunehmen, war ein spontaner Entschluss“, erzählt Gerhard Voltz. Von Bekannten hätten sie erfahren, dass noch Gasteltern gesucht würden. Zusätzlich sei es wichtig für die Entwicklung der Kinder, ergänzt Gerda. „Wenn man etwas kennt, entstehen weniger Vorurteile.“

Kostjukovitschi liegt in der Region Weißrusslands, die seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl im April 1986 immer noch verstrahlt ist. Die Rate der an Immunerkrankungen leidenden Kinder sei seitdem enorm gestiegen, erzählt Roman Plawinski, Betreuer des Projekts, der ebenfalls vor 16 Jahren an dem Austausch teilnahm. „Die Halbwertszeit von Cäsium dauert so viele tausende Jahre, dass es wichtig für die Kinder ist, auch unbelastete Lebensmittel und Natur genießen zu können“, sagt Gerda Voltz.

Die Dietzenbacher können sich noch genau an das Unglück von Tschernobyl erinnern. „Es war ein strahlend schöner Sommertag. Unser Jüngster war vier Jahre alt, und die Kinder haben gespielt und im Gras getollt“, erzählt Gerda. Abends hätten sie im Radio erfahren, dass alle Kinder gründlich gewaschen werden sollen, um radioaktive Stoffe zu entfernen.

Die 61 Jahre alten Dietzenbacher reisen gerne. Durch ihre Auslandsaufenthalte haben Gerhard und Gerda gesehen, wie arm andere Gesellschaften sind, weshalb sie auch die SOS-Kinderdörfer unterstützen.

Sascha und Oleg waren das erste Mal fernab von den Eltern in einem fremden Land – der erste Flug war es sowieso. Ob sie Heimweh haben? „Da“, sagen beide Jungs gleichzeitig. Betreuer Roman Plawinski braucht fast nicht zu übersetzen. „Da“ heißt „ja“.

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