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Gespräche sind wie Medizin

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Nah am Menschen: Der Pflegedienst Sanitätsverein feiert seinen 150. Geburtstag. Rund 200 Patienten in der City, in Gravenbruch und Zeppelinheim werden täglich auf zwölf Touren besucht.

Von Achim Ritz

Das Knie schmerzt. Die 85-jährige Elsa Fröls kann ohne Unterstützung nicht mehr laufen. Die alte Dame trägt Anti-Thrombose-Strümpfe und sitzt auf einem Kissen auf ihrem mobilen Toilettenstuhl. Sie hat ihn zweckentfremdet, das Gefährt eignet sich wunderbar als Rollstuhl, um sich in der Wohnung fortzubewegen. „Ich habe Osteoporose“, erzählt Elsa Fröls. Über andere gesundheitlichen Probleme, beispielsweise die mit dem Herz, spricht sie gar nicht. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Knie, denn dort tut es jetzt weh.

„Gleich pikst´s“, sagt Josef Deittert an diesem Donnerstagmorgen und kündigt einen kleinen Stich in den Finger an, um Blutzucker zu messen. Dann spritzt der Pfleger der alten Dame Insulin. So wie jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend. Diabetes ist bei den Fröls ein Thema, fast könnten sie eine Selbsthilfegruppe gründen. Drei Leute in der Familie wurden im Alter zuckerkrank, sagt Elsa: „Und mein verstorbener Mann hatte es auch.“

Wenn der Krankenpfleger Josef Deittert morgens um 7 Uhr bei seinem Pflegedienstunternehmen die Arbeit beginnt und sich in einen der 16 roten Kleinwagen mit der weißen Aufschrift „Sanitätsverein“ schwingt, warten schon zehn bis 15 Patienten auf den Mann mit dem angegrauten Bart.

Zeit ist Geld

Ende des Jahres wird Deittert seine weiße Arbeitskleidungs an den Nagel hängen und in Rente gehen. Seit 20 Jahren hört er geduldig zu, was ältere Menschen erzählen, während er sie wäscht oder sich um das offene Bein kümmert.

Die Monologe der Alten sind mitunter lang, die Dialoge mit den Kollegen, 20 Schwestern und zwei Pfleger, kurz, weil Pflege immer etwas mit Zeit, genauer gesagt, mit Geld zu tun hat. Da ist es für die Beschäftigen oft eine Gratwanderung, einerseits mit Blick auf die Uhr für gute medizinische Qualität zu sorgen und andererseits den Patienten das Gefühl zu geben, jemand hört zu und unterhält sich gern mit ihnen. Gespräche sind für Senioren wie Medizin, die keine Nebenwirkungen hat und ihnen am besten schmeckt.

Der Sanitätsverein hat seit 150 Jahren das richtige Rezept im Dienst für die Menschen. Die Unterstützung des Vereins ist stark gefragt. Rund 200 Patienten in der City, in Gravenbruch und Zeppelinheim werden täglich auf zwölf Touren besucht. Der Verein, sagt Geschäftsführer Volker Münch, legt Wert auf aktuelles Qualitätsmanagement und examinierte Kräfte, die sich ständig fortbilden.

Weil es immer mehr Senioren geben wird, müsste der Manager eigentlich vor Freude strahlen, doch Münch ist nicht wohl, „weil die Bundesregierung die Pflege an die Wand fährt“. Er spricht von fehlenden Kriterien bei der Bewertung der Pflegedienste und davon, dass die Dokumentation stärker beachtet werde als die Pflege selbst.

Anerkennung fehlt

Pflegedienstleiterin Ilse Kandetzki bedauert, dass Pflegeberufe ein so schlechtes Image hätten. Jede Sekretärin im Kostüm genieße mehr Anerkennung als jemand im Pflegeberuf. Ilse Kandetzki und Volker Münch befürchten außerdem, dass es in der Pflege künftig große Probleme geben wird, weil die Zahl der Patienten wachse, die Fachkräfte aber fehlten.

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