+
Schülerinnen putzten die Grabsteine von jüdischen Beigesetzten, für die es keine Angehörigen mehr gibt.

Dreieich

Schüler reinigen Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof in Dreieich-Sprendlingen

  • schließen

Oberstufenschüler der Ricarda-Huch-Schule Dreieich reinigen die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof im Stadtteil Sprendlingen.

Wurzelbürste, Schmierseife, Schwamm und ein Eimer Wasser – das sind die Utensilien, mit denen zwölf Teenager am Freitagmorgen Grabsteinen auf dem Jüdischen Friedhof in Dreieich-Sprendlingen zu neuem Glanz verhelfen. Allesamt sind Oberstufenschüler der Ricarda-Huch-Schule in Dreieich und erfüllen die Patenschaft mit Leben, die die Schule mit dem Friedhofszweckverband geschlossen hat.

Eine Schuldoppelstunde ist natürlich lange nicht genug, um 101 alte jüdische Grabmale von Schmutz und Flechtenbewuchs zu befreien. Und so blitzen und blinken dann nur die Steine in den ersten drei Grabreihen. Doch die Schüler werden mitunter weitere Grabsteine reinigen, sagt Geschichtslehrerin Myriam Andres. Und sie sind nicht die Einzigen: Schon im April haben Zehntklässler im Rahmen des Ethikunterrichts dort Hand angelegt.

„Die Schüler sollen lernen, dass Geschichte nicht irgendwo stattgefunden hat, sondern auch vor unserer eigenen Haustür passiert ist“, sagt Andres. Andere Schulen könnten solche Patenschaften durchaus ebenfalls eingehen, meint sie und nennt den jüdischen Friedhof in Dreieichenhain, der durchaus auch ein historischer Lernort sein könnte.

Die Oberstufenschüler der Ricarda-Huch-Schule haben den Leistungskurs Geschichte belegt, haben sich dabei sehr intensiv mit der NS-Zeit beschäftigt – obwohl die schon in der 9. Klasse Thema war. „Aber jetzt bekommen wir viel mehr Zeitzeugengespräche, Tagebucheinträge und Meinungen präsentiert“, sagt Nathalie.

Auch zwei Musliminnen sind fleißig an den jüdischen Grabsteinen zugange. „Ich bin freiwillig hier“, sagt Cennet, die türkische Vorfahren hat. „Das ist für mich ein Zeichen von Empathie.“ Die Eltern hätten sie dabei sogar unterstützt, sagt die junge Frau mit dem Kopftuch. „Meine Mutter hat mich heute Morgen hierher gefahren.“ Emine, deren Vater aus der Türkei kommt, sieht die Putzaktion als gute Tat. Auch sie sei zu Toleranz und Respekt erzogen worden, sagt sie. „Es ist schrecklich, was mit anderen Ethnien passiert ist. Wenn man die Geschichte der Juden kennt und keine Empathie verspürt, ist was schief gelaufen.“

Es komme immer der ganze Kurs auf den jüdischen Friedhof, der Glaube spiele keine Rolle, sondern das Solidaritätsprinzip, erklärt Myriam Andres. Sie habe bisher „mit keinem Schüler eine Diskussion geführt, warum wir hierher gehen.“

Für Ben ist es fast schon ein Muss, beim Säubern der Grabsteine dabei zu sein. Er ist der einzige Jude an der Schule, kam als kleines Kind mit seinen Eltern aus Israel nach Dreieich. „Meine Verwandten sind damals ins Arbeitslager gekommen, aber es kam Gott sei Dank keiner ums Leben“, sagt er. Das Judentum werde zu Hause noch praktiziert. „Wir sind zwar nicht religiös, halten es aber mit der Tradition.“

Das Projekt

Im Jahr 2010 rief Myriam Andres, die Geschichtslehrerin an der Ricarda-Huch-Schule Dreieich, das Projekt ins Leben und die Schule übernahm die Patenschaft für den Jüdischen Friedhof in Dreieich-Sprendlingen.

Seitdem haben rund 160 Schüler verschiedener Jahrgangsstufen, Grundkurse und Leistungskurse immer wieder den Friedhofszweckverband bei der Reinigung der Anlage und der Grabsteine unterstützt.

Kooperationen gibt es auch noch mit dem Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt, sowie mit der Margit-Horvárth-Stiftung und der Stadt Mörfelden-Walldorf in Bezug auf das KZ-Außenlager Walldorf. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare