Dreieich

Entspannte Integration

  • schließen

Die Gemeinde lädt Flüchtlinge zum Lerncafé. Während die Erwachsenen Deutsch lernen und sprechen, können die Kinder zeitgleich in der Winkelsmühle betreut werden.

Die Worte stehen ordentlich untereinander: Ich bin, du bist, er, sie, es ist, daneben in Schriftzeichen die Übersetzung in die arabische Sprache. Akribisch hat Mustafa Sawan Seite um Seite Vokabeln aufgelistet: Wörter nach Themen geordnet wie rund ums Einkaufen, Berufsgruppen, Tiere. Jetzt sitzt er im Lerncafé im Gemeindesaal der Burgkirchengemeinde und erzählt, dass er nun eigentlich keine Zeit mehr habe, herzukommen, weil er seit einem Monat in Langen Schule hat.

Mustafa Sawan ist einer der vier Syrer, die in dem Zimmer der Unterkunft schliefen, auf das unbekannte Täter Anfang des Jahres geschossen und dabei einen Mitbewohner Sawans verletzt haben. Jetzt hat er einen Brief an die Dreieicher geschrieben, in dem er sich für die Aufnahme bedankt, die Angriffe auf Frauen in Köln verurteilt und beschreibt, warum er geflüchtet ist. „Wir kommen nach Deutschland nicht für Frauen, nicht für Geld, nicht für schlafen. Wir kommen für Arbeit und für studieren, für bauen unser Zukunft bis Krieg ist fertig“, schreibt Sawan, der bei seiner Ankunft vor fünf Monaten noch nicht ein Wort Deutsch konnte.

Noch in der ersten Unterkunft in einer Zeltstadt in Kassel hat der 24-jährige Syrer am Computer angefangen Deutsch zu lernen. Das Wörterbuch Arabisch-Deutsch hat er immer dabei. „Mein Freund“, sagt er und lächelt. Vor vier Monaten kam er nach Dreieich und in Kontakt mit dem Lerncafé. Hier treffen jeden Mittwochnachmittag im Schnitt rund 40 engagierte Ehrenamtliche auf Flüchtlinge aus Syrien, Somalia, Afghanistan, Eritrea, die in der Stadt untergebracht sind. Je nach Kenntnisstand wird auf Deutsch oder auch mit Handzeichen, Bildern, Lautmalerei kommuniziert. Die meisten Besucher haben Unterrichtsmaterial aus ihren Deutschkursen dabei, das sie mit den Helfern vertiefen.

Schöne Atmosphäre

„Es ist eine so schöne Atmosphäre hier“, sagt Irmhild Küchler, eine der Organisatorinnen des Lerncafés. Dieses war auf Initiative von Gemeindemitgliedern unter Leitung von Pfarrerin Barbara Schindler ursprünglich nur als Angebot während der Sommerferien gedacht, in der die Deutschkurse pausieren und die Menschen in den Unterkünften keine Beschäftigung hatten. „Das haben wir ganz spontan angefangen“, erzählt Heidi Mühlbach, eine der Ehrenamtlichen. Doch die Nachfrage war so groß, dass die Treffen weitergehen. „Wir haben hier manchmal keine freien Stühle mehr“, sagt Küchler.

Nour Eddin Al Haj Ibrahim hilft im Lerncafé beim Übersetzen. Der 17-jährige Syrer ist seit knapp eineinhalb Jahren in Deutschland und besucht die Max-Eyth-Schule. Mit seinen Eltern und fünf Geschwistern lebe er in einer Wohnung in Götzenhain, erzählt er. Was er an Deutschland gut findet? „Alle halten sich hier an Regeln.“

Meist sind es die gleichen Tandems, die sich an diesen Nachmittagen zum entspannten Deutschlernen zusammenfinden. Eine Kuchentheke ist aufgebaut, es gibt Getränke, Kaffeeduft zieht durch den Saal. Inzwischen würden die Ehrenamtlichen nicht nur beim Deutschlernen, sondern auch in anderen Lebenslagen bei der Integration helfen, sagt Küchler. Unter anderem wird dabei geholfen, Ordner für die Unterlagen aus der Kommunikation mit den deutschen Behörden anzulegen. Die ersten Flüchtlinge haben bereits von der Burgkirchengemeinde organisierte Schwimmkurse absolviert, Fahrräder wurden angeschafft. Eine andere, ältere Helferin erzählt, dass sie schon mit weiteren Ehrenamtlichen zum Tee in eine Unterkunft eingeladen worden sei. „Wenn ich hier durch den Ort gehe, kommen immer wieder Besucher aus dem Lerncafé und geben mir die Hand – das sind alles so nette Gesten.“ Und ihre Mitstreiterin Renate Adler ergänzt: „Die Männer sind auch zu uns Frauen sehr höflich, wir haben nie erlebt, dass einer uns nicht die Hand geben will.“

Kinder werden betreut

Während die Erwachsenen Deutsch lernen und sprechen, können die Kinder zeitgleich in der Winkelsmühle betreut werden. „Es ist wichtig, dass sich die Menschen hier angenommen fühlen und wissen, wohin sie sich wenden können. Wir fragen auch nach den Berufen, mit dem Ziel, sie in einen Beruf zu bringen oder zumindest, um ein Praktikum hier zu organisieren,“ sagt Küchler und eine Helferin ergänzt: „Immer nur in der Bude zu sitzen ist doch frustrierend.“

So sieht das auch Mustafa Sawan. Er ist inzwischen in eine andere Unterkunft in Sprendlingen umgezogen, weil sein Zimmer nach dem Anschlag renoviert wird. „Da steckten noch Kugeln in der Wand“, sagt eine Helferin. Doch mehr noch als die Angst vor Attentaten beunruhigt es Sawan, dass er noch keinen Termin für sein Asylverfahren hat. „Ich bin mit zehn Freunden nach Deutschland gekommen, acht sind als Flüchtling anerkannt, den anderen haben sie vergessen, er hat jetzt einen Termin bekommen“, erzählt er.. Erst wenn er als Flüchtling anerkannt ist, könnte er in Deutschland weiterstudieren. In Syrien, so erzählt er, habe er zwei Jahre auf Ingenieur für Telekommunikation studiert und seinen ersten Abschluss gemacht.

Sein Ziel ist es, zurück nach Syrien zu gehen – wenn dies gefahrlos möglich ist. In seinem im Lerncafé verlesenen Brief hat er geschrieben: „Endlich, wenn Krieg fertig, ich lade alle ein mein Land besuchen in neue Syrien.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare