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Flüchtlinge im eigenen Haus

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Von: Agnes Schönberger

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Ilya Eigenbrot, Leiter der Strothoff-Schule in Dreieich, weiß, wie sich Flüchtlinge fühlen – einst war er selbst einer.
Ilya Eigenbrot, Leiter der Strothoff-Schule in Dreieich, weiß, wie sich Flüchtlinge fühlen – einst war er selbst einer. © Rolf Oeser

Der Leiter der Strothoff International School in Dreieich stellt sein Privathaus für eine syrische Flüchtlingsfamilie zur Verfügung.

Ilya Eigenbrot hat nicht lange überlegt, als immer mehr Flüchtlinge kamen. Spontan stellte der Leiter der Strothoff International School sein Privathaus in Buchschlag für eine Flüchtlingsfamilie zur Verfügung. Wer bei ihm wann einziehen würde, wusste er nicht. Im November 2015 war es so weit: Er nahm ein syrisches Paar mit Kind auf, die Frau hochschwanger. Kurz darauf hallte Babygeschrei durch das Anwesen.

Ende Mai ist die Familie, die aus einer Stadt im Norden Syriens stammte, die der IS eingenommen hatte, ausgezogen. Sie fand eine Wohnung in Sprendlingen. Der Zeitpunkt war ideal, weil in Kürze Eigenbrots Frau und die beiden Kinder den Wohnsitz von der Schweiz nach Dreieich verlegen werden.

Das Haus sei doch groß, und ohnehin sei er fast nie da gewesen, weil er an den Wochenenden bei der Familie gewesen sei, sagt der 48-Jährige. Die Verständigung war schwierig. Erst als er einen syrischen Arzt kennenlernte und diesen sowie seine Mitbewohner in ein Restaurant einlud, „konnte ich mich erstmals richtig mit ihnen unterhalten“.

Eigenbrot hat nicht nur aus Überzeugung, sondern vielleicht auch deshalb spontan geholfen, weil er selbst einige Zeit als Flüchtling im Nahen Osten und in Europa gelebt hat. Als Kind sei er „aus politischen und halbwegs religiösen Gründen“ mit den Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion geflohen, erzählt er. Der Vater war Jude, die Mutter Halbjüdin. In ihrem Pass stand als Nationalität „Jude“. Als der kleine Ilya in Israel ankam, hieß es, er sei nicht jüdisch. Und so erlebte der Junge, dass die Kinder in der Sowjetunion nicht mit ihm spielten, weil er Jude war, und in Israel ebenfalls nicht, weil er angeblich keiner war.

„Das zeigt doch, wie unsinnig nationale, kulturelle oder religiöse Zuordnungen sind“, sagt Eigenbrot, der als Jugendlicher in Deutschland lebte, in Gütersloh sein Abitur machte, zunächst in Heidelberg und danach am Imperial College in London Chemie studierte und dort auch promoviert wurde. Lange Zeit arbeitete er in der Forschung und machte „viele Sachen nebenher“. Unter anderem gestaltete er die beliebte BBC-Serie Christmas lectures der Royal Institution mit, die wissenschaftliche Themen aufgreift.

„Ich war ein ewiger Student“, sagt er. Geschadet hat es ihm offensichtlich nicht. Denn er ist auch beruflich viel gereist und spricht fließend Englisch, Deutsch, Russisch und Französisch.

„Hilfe ist selbstverständlich“

Eigenbrot, der nach eigenen Worten nie Schulleiter werden wollte, aber 2008 die Leitung einer Privatschule in der Schweiz und im vergangenen August die der Strothoff-Schule übernahm, hält es für selbstverständlich, „dass wir helfen. Wir müssen Teil der Lösung sein“. Diese Einstellung erwartet er auch von den Lehrern und Schülern.

„Wir wollen das leben, was wir in den Klassenzimmern unterrichten“, sagt auch die Verwaltungsleiterin Bettina Otto. Die Schule engagiert sich deshalb in vielfältiger Weise in der Flüchtlingshilfe. Lehrer und Eltern bieten Sprachkurse für Zugewanderte an. Damit auch Mütter daran teilnehmen können, organisieren Neuntklässler eine Kinderbetreuung. Eva Segner, deren Kinder die Schule besuchen, ist eine der vielen Ehrenamtlichen, die sich um Flüchtlinge kümmern. Ihr Hilfe beschränkt sich längst nicht mehr nur auf den Deutschkursus, sondern sie unterstützt ihre Schützlinge auch bei der Suche nach Praktika oder einem Job.

Die Grundschüler bastelten Geschenktüten mit Spielzeug für die Flüchtlingskinder, andere besuchten die Mädchen und Jungen in der Unterkunft und luden sie zu einem Spielenachmittag ein. Der Erlös aus dem Plätzchenverkauf beim Schulfest wurde gespendet, damit Flüchtlinge ins Schwimmbad gehen können.

Auch der Verein Zukunft Dreieich, dessen Vorsitzender der Unternehmer Hans Strothoff ist, engagiert sich. Mitglieder haben eine Datenbank mit Informationen zu Wohnraum, Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten entwickelt (freeugee.org/), damit die Flüchtlinge möglichst rasch auf eigenen Füßen stehen. Bürgermeister Dieter Zimmer (SPD) dankte allen Beteiligten jüngst bei einem Schulbesuch für ihr Engagement. Otto betonte, dass das Engagement weitergehen werde. „Denn die eigentliche Integration beginnt jetzt.“

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