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In erster Linie Pädagoge: Schulleiter Jochen Zeller.

„Ich sehe mich nicht als Manager“

Rödermark Jochen Zeller über die Selbstständige Schule und ihre Grenzen

Die Rödermärker Oswald-von-Nell-Breuning-Schule ist eine von 24 allgemeinbildenden Schulen in Hessen, die am Pilotprojekt Selbstständige Schule teilnehmen. Die integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe erhält dafür das so genannte Große Budget und mehr Verantwortung. Schulleiter Jochen Zeller (63) erklärt, was das für die Schule bedeutet.

Die Nell-Breuning-Schule ist seit diesem Monat eine selbstständige Schule. Was bringt das den Schülern?

Es bringt eine höhere Flexibilität der Schule insgesamt. Mit der Möglichkeit, Mittel selbstverantwortlich ausgeben zu können, werden wir variabler, können effektiver arbeiten und die personelle Ausstattung verbessern. Es kommt alles den Schülern zugute, wenn auch indirekt.

Wie hoch ist denn das Große Budget, über das Sie als Schulleiter nun eigenverantwortlich verfügen können?

Wir bekommen eine Personalausstattung, die 1,5 Prozent höher ist als bisher. Für unsere Schule entspricht das einem Betrag von 50?000 bis 60?000 Euro. Hinzu kommt, dass wir es nun angerechnet bekommen, wenn Lehrerstellen nicht besetzt sind. Mit diesen Mitteln könnten wir etwa Aufsichtskräfte einstellen oder einen Bäcker, der ein paar Stunden in der Schulküche den Schülern etwas beibringt. Wir sind völlig frei.

Was haben Sie denn mit dem Geld vor?

Am liebsten würde ich jemanden einstellen, der unter anderem die naturwissenschaftliche Sammlung pflegt. Darum kümmern sich bislang Lehrer, die dann mehr Unterricht halten könnten, was wiederum den Schülern zugute kommt. Wenn ein Physiklehrer dann vier Stunden mehr unterrichten kann, ist das ein Erfolg. Es gibt aber auch einen Pferdefuß: Ich kann keine Verträge abschließen, die länger als ein Jahr laufen. Dadurch ist es schwierig, qualifizierte Personen zu finden.

Neue Lehrer können Sie nicht einstellen?

Nein, das nicht. Ich könnte pädagogische Schwerpunkte setzen, in dem ich etwa einige Honorarkräfte für den Informatikbereich einsetze oder andere Spezialisten.

Reichen die neuen Freiheiten aus oder müssten die Schulen eigentlich noch viel mehr Budgetverantwortung erhalten?

Ja, das muss natürlich mehr werden. Das kann nur ein Einstieg sein. Interessant wird es, sobald die Kreismittel mit in das Budget einbezogen werden. Dann entsteht ein Volumen, mit dem man stärker gestalten kann. Einen solchen Modellversuch gibt es seit einigen Jahren schon im Kreis Groß-Gerau.

Was können die Schulen dort entscheiden, was Sie bisher nicht können?

Ich könnte dann zum Beispiel aus dem Budget für Lehrmittel – also etwa für Bücher – auch Geräte für den Physikunterricht oder einige Laptops kaufen. So etwas ist bisher leider nicht möglich. Darüber hinaus könnte ich langfristig für größere Anschaffungen Geld ansparen.

Besteht die Gefahr, dass die Schulen mehr Verantwortung erhalten, aber die Budgets so knapp bemessen sind, dass die Schulleiter nur die Freiheit haben, den Mangel zu verwalten?

Das Argument kenne ich auch aus Konferenzen, kann damit aber überhaupt nichts anfangen. Schon die Definition, was Mangel heißt, ist schwierig. Gerade wenn ich wenig Mittel habe, ist es wichtig, dass dieses Geld effektiv ausgegeben wird.

Der hessische GEW-Chef Jochen Nagel sieht in dem Projekt eine Verbetriebswirtschaftlichung der Schulen auf Kosten der pädagogischen Arbeit.

Was wir auf jeden Fall brauchen, ist eine Aufstockung der Verwaltung. Wenn die Personalausstattung, wie die Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) ankündigt, auf 105 Prozent steigt, wenn wir also ein noch höheres Budget erhalten, wäre mein erster Schritt, einen Verwaltungsfachmann einzustellen. Diesen Preis muss ich dann bezahlen.

Wie hat sich Ihre eigene Rolle als Schulleiter verändert? Sind Sie noch Pädagoge oder schon mehr ein Schul-Manager?

Ich bin Pädagoge. Ein Schulleiter muss pädagogischer Leiter bleiben. Ich sehe mich nicht als Manager. Meine Hauptaufgaben sind die Unterrichtsentwicklung und die Lehrerfortbildung.

Sie haben immer wieder darauf hingewiesen, dass Ihre Schule mit 1800 Schülern an die Kapazitätsgrenzen gekommen ist. Wie lang werden Sie noch Container brauchen?

Noch einige Jahre. Ich gehe davon aus, dass die Schule auf Dauer mit einer Größenordnung von 1400 bis 1500 Schülern fährt. Diese Schülerzahl brauchen wir als integrierte Gesamtschule auch, um unsere Oberstufe ausstatten zu können. Dazu brauchen wir noch einmal einen Neubau mit zehn Klassensälen.

Ohne weiteren Neubau geht es nicht?

Nein, wenn ich darstellen will, dass wir eine gebundene Ganztagsschule werden, geht es nicht. Wir müssen aus der Enge herauskommen.

Die Chancen stehen angesichts der finanziellen Lage des Kreises nicht gut.

Ja, aber der Kreis könnte vorbereitet sein. Es müssten zumindest Planungen beginnen.

Im Koalitionsvertrag von CDU und Anderer Liste steht, dass man die Einrichtung eines Gymnasiums prüfen sollte. Was halten Sie davon?

Ich bedaure sehr, dass solch eine Forderung gestellt wird. Und zwar, weil sie sie nicht realisierbar ist, aber zu einer Verunsicherung in der Elternschaft führt.

Die CDU argumentiert stets, dass die Bildungslandschaft dann vielfältiger werde.

Dann muss man aber auch mal fragen: Was bietet angesichts der Zentralprüfungen ein Gymnasium mehr, außer dass über dem Gebäude Gymnasium steht und bestimmte soziale Schichten ausgeschlossen sind vom Besuch dieses Gebäudes. Das wäre ein bildungspolitischer Rückschritt.

Das Interview führte Christoph Manus.

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