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Fünf Schülerinnen der zehnten Klasse des Goethe-Gymnasiums besuchen seit vier Jahren regelmäßig die Bewohner des Neu-Isenburger Pflegeheims Am Erlenbach. Louise, Jana, Saskia, Anchal und Priya - "wir sind dicke Freundinnen" - kam im siebten Schuljahr auf die Idee, sich sozial zu engagieren.

Neu-Isenburg

Mission Senioren-Besuch

Seit vier Jahren besuchen Louise, Jana, Saskia, Anchal und Priya die Bewohner des Altenpflegeheims Am Erlenbach - freiwillig. Ihre Besuche sind zur festen Einrichtung geworden.

Von Achim Ritz

Für den im Rollstuhl sitzenden alten Mann mit den hochstehenden grauen Haaren ist das Malen ein Kraftakt und Millimeterarbeit. Nur ganz langsam führt seine Hand den Stift auf der Vorlage in einem der schwarz umrandeten Kästchen des Ostereis hin und her - ganz exakt, ohne Ausrutscher gelingt ihm das. Nach und nach wird das weiße Blatt schön bunt.

"Ich führe jetzt mal kurz Ihren Stift und dann sind Sie wieder dran. Wir wechseln uns ab, okay?", schlägt die 16-jährige Schülerin Jana Welkerling einer Frau vor, die heute beim Kreativ-Kreis des Neu-Isenburger Altenpflegeheims Am Erlenbach mit am Tisch sitzt und fleißig wie die anderen Dekoratives für Ostern malt und bastelt.

Je nach Jahreszeit oder bevorstehendem Fest serviert die Betreuerin, Marika Kießling, den Senioren donnerstags neue Ideen, sich sinnvoll zu beschäftigen. Ostern steht vor der Tür, da werden jetzt Eier gefärbt oder gebackene Osterhasen mit Zuckerguss und Streusel überzogen. Fünf junge Schülerinnen der zehnten Klasse des Goethe-Gymnasiums sind immer dabei. Seit vier Jahren besuchen Louise, Jana, Saskia, Anchal und Priya die Alten.

Das Quintett - "wir sind dicke Freundinnen" - kam im siebten Schuljahr auf die Idee, sich sozial zu engagieren. Die Mädchen dachten damals spontan daran, mit Hunden anderer Leute Gassi zu gehen oder für Senioren einzukaufen. Schnell waren sich alle einig, dass alte Menschen im Pflegeheim Am Erlenbach besucht und unterstützt werden sollten.

Warum sie nicht wie Gleichaltrige im Isenburg Zentrum auf Shopping-Tour geht oder öfter das Jugendcafé besucht, sondern alte und auch an Demenz erkrankte Menschen besucht? "Es ist interessant, wenn die Senioren aus ihrem Leben erzählen. Die haben viel Fantasie", antwortet die 16-jährige Louise.

Einmal konnte sich ihre Freundin Priya mit einer Frau, die aus Frankreich kam, im Altenheim auf Französisch unterhalten. Die Seniorin habe ihr erzählt, wie sie nach Deutschland gekommen sei. "Die Leute freuen sich, wenn wir kommen und sie sind dankbar, dass wir ihnen zuhören", ist die Erfahrung von Saskia. Die Besuche der Schülerinnen sind im Altenpflegeheim zu einer festen Einrichtung geworden. Dank ihrer Hilfe können sich in dem Kreativ-Kreis mehr Leute beteiligen.

Eine 69-jährige Frau sagt, sie sei glücklich, dass die Mädchen kämen. Sie stricke gern und habe mit Hilfe von Frau Kießling und den Schülerinnen eine Halskette hergestellt; sagt es und zieht diese mit beiden Daumen nach vorn, um sie stolz zu präsentieren.

"Ich mach' da nicht mit", ruft eine andere Frau, die im Rollstuhl am Kreativ-Kreis vorbeifährt. "Das ist mir zu viel Gegackere am Tisch", sagt sie und verschwindet auf dem langen Flur mit dem glatten Fußboden.

Bei allem Spaß wird im Altenpflegeheim selbstverständlich auch geschimpft und gelästert. Viele Bewohner sind an Demenz erkrankt, manche reden wirres Zeug, andere sind hellwach, doch nur wenige so fit, dass sie jeden Tag allein in die Stadt oder einen Park gehen können. Deswegen gibt es auch organisierte Ausflüge, für die Helfer gesucht werden, die "die Leute im Rollstuhl schieben", sagt Elisabeth Bigalke-Becker vom Sozialdienst des Heimes.

Die Goethe-Schülerinnen haben bei der Begegnung von Alt und Jung in vier Jahren so manche Freundschaft mit den Hausbewohnern aufgebaut, aber auch Abschied nehmen müssen. "Hier bekommt man mit, wie schnell es bergab gehen kann", sagt Louise.

Die Begegnung mit dem Tod ist im Altenpflegeheim Alltag. "Wenn mal wieder jemand gestorben ist, steht dort auf dem Tisch immer ein Bild und eine Kerze", sagt Jana. Durch diese Erfahrungen habe sich ihr Verhältnis zum Tod geändert. "Ich weiß, dass er dazu gehört."

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