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Entrechtet, verjagt und ermordet

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Von: Christoph Manus

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Stolpersteine erinnern an die  in der Nazi-Zeit ermordeten Großeltern  von Zoya Fiedler (links).
Stolpersteine erinnern an die in der Nazi-Zeit ermordeten Großeltern von Zoya Fiedler (links). © Oeser

Vier Stolpersteine erinnern an die jüdische Dudenhöfer Familie Reinhardt. Lange wollten die Bürger nichts von der braunen Vergangenheit ihres Ortes wissen - das hat sich nun geändert.

Auf dem Weg von Babenhausen nach Dudenhofen werden sie überfallen und zusammengeschlagen. Als Amalie und Adolf Reinhardt in die damalige Hauptstraße kommen, haben andere Dudenhöfer ihr Haus zerstört. Am nächsten Tag, dem 10. November 1938, verlassen die beiden ihr Heimatdorf für immer. Das jüdische Paar flüchtet vor dem Nazi-Terror zunächst nach Frankfurt. Bis zuletzt hoffen sie, nach England zu ihrer Tochter Irene fliehen zu können. Doch das scheitert am fehlenden Geld. Wenige Jahre später werden die Dudenhöfers in Auschwitz ermordet.

60 Jahre nach der Pogromnacht versucht Zoya Fiedler, eine Enkelin der Reinhardts, 1998 für eine Arte-Dokumentation in Dudenhofen mit Nachfahren der Täter zu sprechen. Doch sie stößt auf eine Mauer des Schweigens. „Wir standen vor verschlossenen Türen, oder es wurde geleugnet“, erinnert sich die im englischen Exil geborene, in Ost-Berlin aufgewachsene Historikerin. „Es gab niemanden, der etwas zugeben wollte.“

Der Film „Seit 60 Jahren judenfrei“ schlägt in Dudenhofen hohe Wellen. Bürger sehen den Ruf ihres Orts geschädigt, Kommunalpolitiker fordern, es müsse endlich Schluss sein mit der Vergangenheitsbewältigung. Der damalige evangelische Pfarrer Markus Nett, der Fiedlers Anliegen unterstützt, erhält anonyme Briefe und Anrufe. Jugendliche skandieren „Wir sind der nationale Widerstand“ vor seinem Fenster.

So macht Fiedler auch keinen Hehl daraus, wie verwundert sie ist, dass ausgerechnet in Dudenhofen nun die ersten Stolpersteine in Rodgau verlegt werden. 1998 sei das kaum denkbar gewesen. So gespenstisch habe sie die Atmosphäre empfunden. Fast hundert Menschen drängen sich am Donnerstag auf dem Bürgersteig, darunter Schüler der Freiherr-vom-Stein-Schule und ein Leistungskurs Geschichte der Claus-von-Stauffenberg-Schule, der frühere Landrat Josef Lach (SPD), einige Stadtverordnete.

Der Verein für multinationale Verständigung (Munavero) hat mit dem Heimat- und Geschichtsverein und anderen Bürgern den Kölner Künstler Gunter Demnig eingeladen, vier Stolpersteine für die Reinhardts sowie Adolf Reinhards Schwestern Helene und Regine zu legen. Das Haus, in dem sie wohnten, wurde 1998 abgerissen. Die Steine liegen daher auf dem Trottoir vor einem Hof am Restaurant La Fontanella.

Rudolf Ostermann, Vorsitzender von Munavero, nennt die Steine Zeichen der Erinnerung gegen das Vergessen. „Man kann keine gemeinsame Zukunft aufbauen, wenn man die Vergangenheit verdrängt“, sagt er. Es sei wichtig, „dass wir deutlich machen, dass wir die Erinnerung an die Familie Reinhardt bewahren“, sagt Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD).

„Ein Mensch ist erst tot, wenn die Erinnerung an ihn gestorben ist“, zitiert Pfarrer Nett einen Satz, den Zoya Fiedler im Arte-Film sagte. Er erinnert an den Wirbel im Jahr 1998, der seinen Blick auf unsere Gesellschaft verändert habe. „Der Umgang mit Schuld hat mich erschreckt.“ Und er spricht von einem wichtigen Tag für die Stadt Rodgau. „Die Namen der Opfer dürfen nicht vergessen werden. Das ist unsere Verpflichtung als Nachfahren der Täter“, sagt Nett.

Fiedler drückt ihre Hoffnung aus, dass auch andere Stadtteile Rodgaus mit Stolpersteinen an ihre ermordeten jüdischen Bürger erinnern. Es lohne sich, das jüdische Leben in Rodgau zu erforschen, sagt sie.

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