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Harald Göbel mit einem alten Projektor der Jügesheimer Saalbau-Lichtspiele. In dem Kino zeigte schon sein Großvater Filme.

Rodgau

Das Ende der Filmrolle

Ab dem kommenden Jahr bieten die Filmverleiher nur noch digitale Kopien an - für die stimmungsvollen Saalbau Lichtspielen bedeutet das einen kostspieligen Umbau. Harald Göbel will ihn trotzdem wagen und künftig auch 3D-Filme zeigen.

Von Anne Jäger

Auf einem abgesägten Barhocker sitzt Harald Göbel vor dem Projektor im Vorführraum, wie er es schon im Alter von sieben Jahren gemacht hat. Damals lockten ihn Chips und Fanta ins Kino seines Großvaters, später verdiente er so sein Taschengeld.

Etwa zwei Finger breit und mehrere Kilometer lang sind die Filmbänder, die durch den Projektor laufen und im Kinosaal die Leinwand zum Leben erwecken. Doch die großen Filmrollen, der 80 Jahre alte Projektor, die Arbeit des Filmvorführers – all das wird es bald nicht mehr geben.

Dieses Jahr haben die Filmverleihe, von denen Göbel die Filme für seine Saalbau Lichtspiele in Jügesheim bezieht, noch alle Filme im analogen Format angeboten. Nächstes Jahr wird das nicht mehr so sein. Göbel muss auf digital und 3D umstellen. „Wenn wir nicht umbauen, ist irgendwann Schluss“, sagt er. So ein Umbau koste bis zu 100.000 Euro – die Verleihe sparen Transportkosten. Zwar ist ein Umrüsten finanzierbar, dennoch weckt der Gedanke an das digitale Zeitalter bei Harald Göbel ein mulmiges Gefühl. „Die Abhängigkeit zu den Filmverleihen wächst mit dem digitalen Format.“ Er habe Angst, dass das Kino eines Tages „zur Tankstelle“ mutiere und sie nicht mal mehr die Preise bestimmen dürfen.

Über einen Rechner im Vorführraum und einen Digitalprojektor wird der Film dann auf die Leinwand gespielt werden. Wie die Filme vom Verleih ins Kino gelangen, ist momentan noch nicht sicher. Sie könnten auf einer Festplatte mit Zugangscode, per Datenleitung oder auch via Satellitenverbindung die Kinos erreichen.

Momentan verlangen die Verleihe rund 250 Euro pro Woche für einen Film. Dazu müssen die Kinos bis zu 53 Prozent der Einnahmen abgeben. „Anfangs waren das mal 36 Prozent“, erinnert sich der 36-Jährige. Um schwarze Zahlen zu schreiben, müssen sich mindestens 20 Zuschauer eine Vorstellung ansehen.

Doch es laufe gut – nicht zuletzt wegen der blau samtenen Sessel mit Armlehnen und viel Beinfreiheit, der kostenlosen Parkplätze, der Fahrradständer und der kurz gehaltenen Werbung vor dem Film. Die üblichen Blockbuster, aber auch der sogenannte „Frauenfilmtag“ jeden ersten Dienstag im Monat ziehen Kinoliebhaber nach Jügesheim.

Am Umsatz habe er nicht gemerkt, dass große Multiplex-Kinos aus Frankfurt, Darmstadt oder auch Aschaffenburg ihm die Kundschaft abgreifen würden. Das Kinogeschäft sei ein Auf und Ab. „Auf sieben magere Jahre kommen wieder sieben fette“, sagt Göbel. „In den achtziger Jahren gab es den Boom der Videotheken, vor zwei Jahren kam dann die Finanzkrise.“ Als zweites Standbein hat Harald Göbel die familieneigene Fleischerei mit Filialen in Frankfurt, Hanau und in Jügesheim. „Wir hätten schon längst zu, wenn die Fleischerei nicht wäre“, sagt der gelernte Metzger, der zusätzlich noch Philosophie und Betriebswirtschaftslehre studiert hat. In einigen Jahren, so hofft er, führt vielleicht seine heute drei Jahre alte Tochter das Kinogeschäft weiter – wenn auch digital und in 3D.

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