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Eine Flasche Wasser pro Tag

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Michael Störmer berichtet von den alltäglichen Schwierigkeiten nach dem Atomunglück in Japan.
Michael Störmer berichtet von den alltäglichen Schwierigkeiten nach dem Atomunglück in Japan. © Privat

Der Rödermärker Michael Störmer lebt auch nach der Katastrophe weiterhin in Tokio. FR-Mitarbeiterin Nina Lenhardt hat sich mit ihm darüber unterhalten.

Von Nina Lenhardt

Wann das Nachbeben kommen wird, ist nicht vorhersehbar. Aber es soll eins geben. „Man spürt jeden Tag, dass die Erde zittert“, sagt Michael Störmer. Er ist im November 2008 mit seiner Frau nach Tokio gezogen. Von dort aus leitet er das Lufthansa-Frachtgeschäft in Japan und Korea. 20 Jahre hatte er davor in Ober-Roden gelebt. In Japan in dieser Unsicherheit zu leben, sei eine große Belastung, sagt er.

Seit der Katastrophe in Fukushima verhalte er sich anders, berichtet er bei einem Besuch in Deutschland. Neuerdings lässt er zum Beispiel Türen offen, damit er im Notfall schneller fliehen kann. „Eine latente Unsicherheit ist immer da.“ Hat er Angst vor der Radioaktivität? Der Lufthansa-Angestellte ist zwiegespalten. Zwar sei die Region mehr belastet als im Normalzustand. „Die Strahlungswerte vor Ort sind aber immer noch geringer als in München“, betont Störmer. Andererseits fragt sich das Ehepaar nun, welche Lebensmittel sie kaufen können und welches Wasser sie trinken wollen.

Es gebe alles frisch, sagt Störmer. Aber er wisse nicht, woher Salat, Äpfel, Brokkoli oder Spinat kämen, denn die japanischen Etiketten könne er nicht lesen. Und manche Anbaugebiete lägen in der verstrahlten Zone. „Wenn ich nicht sicher bin, woher die Lebensmittel kommen, vermeide ich den Kauf.“ Willkommen sind ihnen da Lebensmittel von amerikanischen Großmärkten, deren Beschriftung sie verstehen. Auch beruflich stellt sich Essens-Frage. Bei Geschäftsessen werde viel Fisch verzehrt, doch da wisse man auch nicht, wie belastet der sei.

Besonders kompliziert wird es beim Wasser: Pro Tag und Supermarkt darf jeder nur eine Flasche kaufen. Genügend Wasser zu organisieren, koste daher viel Zeit, sagt Störmer. „Zwar wird die Wasserqualität von Trinkwasser gemessen, aber man hat trotzdem ein ungutes Gefühl.“ Im Moment trinken die Störmers deshalb Wasser aus Kanada. „Das ist eigentlich unsinnig, wenn man bedenkt, was damit alles verbunden ist, aber ich fühle mich sicherer.“

Auch in der japanischen Hauptstadt habe sich das Leben verändert, berichtet Störmer. Sichtbar werde das vor allem in den Straßen. „Viel Leuchtreklame ist abgeschaltet worden.“ Auch seien zahlreiche Rolltreppen in der Stadt abgestellt. „Man versucht, überall Strom zu sparen“, so der 54-Jährige. Jedes Jahr kommt Störmer acht bis zehn Mal nach Deutschland. Um seine drei Kinder zu besuchen, die hier leben und auch, um bei den Tennis-Medenspielen anzutreten. Trotz seines Umzugs nach Asien ist er noch aktives Mitglied beim BSC Urberach. Doch nach der Katas-trophe ist er in Tokio geblieben. „Entweder das eigene Leben riskieren oder meine 50 japanischen Mitarbeiter im Stich lassen“, lautete die Frage, die er abwog.

Es sei richtig gewesen zu bleiben, bekräftigt er. Das Verhältnis zu seinen Mitarbeitern sei jetzt viel intensiver. „Wir sind zusammengerückt und haben einander anders schätzen gelernt.“

Die Lufthansa habe bereits einige Projekte unterstützt, indem sie 70 Tonnen Hilfsgüter kostenlos von Frankfurt nach Tokio transportiert hätte, erzählt Störmer. Er selbst spendet für den Wiederaufbau eines Heims für arme Kinder.

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