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Frische Blumen schmücken den Schreibtisch Bertha Pappenheims. Auf historischen Fotos ist das zierliche Tischchen hingegen unter Papieren begraben.
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Frische Blumen schmücken den Schreibtisch Bertha Pappenheims. Auf historischen Fotos ist das zierliche Tischchen hingegen unter Papieren begraben.

Bertha Pappenheim

Eine diskrete Geschichte

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Bertha Pappenheim ist die bedeutendste mit Neu-Isenburg verbundene Persönlichkeit. In ihrem vor genau 100 Jahren eröffneten Haus in der Zeppelinstraße ist der Geist der großen Mäzenin bis heute spürbar.

Heute spielen wieder Kinder im Garten der Gedenkstätte, so wie vor 100 Jahren. Die Villa in der Zeppelinstraße in Neu-Isenburg, die am 29. März 1914 fertiggestellt wurde, ist ein unauffälliger, großzügiger Jugendstilbau, den teilweise die benachbarte Kita nutzt; im Obergeschoss erinnert ein kleines Museum an die bewegte Geschichte des Hauses.

Auf den ersten Blick lässt sich kaum ahnen, dass dies das wohl historisch bedeutendste erhaltene Bauwerk der Stadt ist, ein Ort der Erinnerung an eine außergewöhnliche Persönlichkeit und an die furchtbare Geschichte des Heims des Jüdischen Frauenbunds im Nationalsozialismus.

Neu-Isenburg verdankt diese außergewöhnliche Einrichtung der jüdischen Mäzenin, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Bertha Pappenheim, einer gebürtigen Wienerin, die mit 29 Jahren 1888 in die Heimatstadt der Mutter, Frankfurt, gezogen war und 1936 in Neu-Isenburg starb.

Hier im liberalen Hessen-Darmstadt, hinter der Grenze zum damals preußischen Frankfurt, eröffnete Pappenheim 1907 ein Heim für „gefallene“ jüdische Mädchen und ihre unehelichen Kinder. Viele der jungen Frauen hatten als Prostituierte gearbeitet, waren verzweifelt, entrechtet und heimatlos. „Bertha Pappenheim war seht diskret“, sagt Helga Heubach, die seit 1982 über das Heim forscht, die Gedenkstätte konzipiert hat und mit ihrem Engagement regelmäßige Öffnungszeiten des kleinen Museum ermöglicht. „Das Haus hieß überall nur Kinderheim, nicht Heim für ledige geschlagene Mütter.“ In Neu-Isenburg fanden die Frauen eine Zuflucht.

Für Heubach war Pappenheim ihrer Zeit weit voraus. „Das Konzept, Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben, Schutz zu bieten, ist erst heute wieder Standard.“ Für sie ist das Haus des Jüdischen Frauenbundes, den Pappenheim 1904 gegründet hatte, „das bedeutendste erzieherische Projekt im damaligen Deutschen Reich“.

Trotzdem war Pappenheim nach ihrem Tod lange fast vergessen. „Frau, nicht verheiratet, jüdisch, mit einem Engagement, das nicht gerne gesehen war – da wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg einfach weggeschoben“, sagt Gabriele Loepthin, Neu-Isenburger Frauenbeauftragte und seit 2012 Leiterin der Gedenkstätte.

Heute dominiert vor allem ein Detail aus ihrer Jugend die internationalen Erinnerungen an sie: Sie ist Sigmund Freuds wohl berühmtester Fall, die Patientin „Anna O.“, an dem der legendäre Wiener Arzt die Psychoanalyse weiterentwickelte. „Die Amerikaner haben sie wiederentdeckt, als große Kranke“, sagt Heubach. Dabei muss Pappenheim, die aus sehr wohlhabendem Haus stammte, eine ungewöhnliche, vielschichtige und außergewöhnlich engagierte Persönlichkeit gewesen sein, auf der einen Seite streng othodox und gläubig, auf der anderen Seite auch sehr tapfer und zupackend.

Die Doppelmoral vor dem Ersten Weltkrieg muss sie rasend gemacht haben, die Bigotterie der Männer. Da geht man abends ins Bordell und bricht am nächsten Morgen den Stab über Frauen, die uneheliche Kinder zur Welt bringen und verstößt sie aus der Gemeinschaft. Dagegen hat Pappenheim mit ihrem Neu-Isenburger Haus des Jüdischen Frauenbunds gekämpft. „Sie war absolut gegen Prostitution“, sagt Heubach. „Aber sie wollte aufklären und den Opfern helfen.“

Heute würde man Pappenheim neudeutsch wohl eine „Fundraiserin“ nennen, eine Frau, die Spenden einwirbt für ihre Herzensprojekte. „Sie hat 50 000 jüdische Frauen dazu motiviert, sich zu engagieren“, sagt Heubach. Im Neu-Isenburger Heim sollten die Bewohnerinnen zurück zu ihren jüdischen Wurzeln finden, so hoffte die Gründerin. Die Kinder, so hat es sich Heubach von ehemaligen Bewohnerinnen erzählen lassen, sollten möglichst für sich leben, Kontakte zu nichtjüdischen Nachbarn vermeiden. Das sollte „die Sehnsucht wecken, wieder in Bedingungen zu leben, die die Basis und der Erhalt jüdischen Seins sind“, schrieb sie 1932.

Schließlich war Pappenheim außerordentlich mutig. Loepthin nennt ein Beispiel: „Als es in der Ukraine im Frühjahr 1906 entsetzliche Ausschreitungen gegen Juden gab, reiste Bertha Pappenheim als Delegierte des Hilfsvereins ganz alleine drei Monate lang in die Pogromgebiete und besuchte mehr als hundert überfallene Gemeinden.“ Rund 200 Waisenkinder brachte sie von dort mit nach Deutschland.

Die Zerstörung ihres Lebenswerks, die Reichspogromnacht 1938, bei der ein Teil des Neu-Isenburger Heims niedergebrannt wurde, die Zwangsschließung, Deportation und Ermordung vieler Bewohner im April 1942 hat sie nicht mehr erleben müssen. Begraben ist Bertha Pappenheim auf dem neuen jüdischen Friedhof in Frankfurt, erinnert wird an sie in Neu-Isenburg.

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