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Die Ideen von Corinna Molitor haben dem Dreieich-Museum zu einem renommierten Preis verholfen.

Dreieich

„Das war ein Vabanque-Spiel“

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Corinna Molitor, die Leiterin des Dreieich-Museums, spricht im FR-Interview über die Neuausrichtung des Hauses, den Mut des Trägervereins und den Lohn, den man jetzt einheimsen kann.

Klein ist das Dreieich-Museum, doch das Renommee ist groß: Am 4. Februar übergibt die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen den Museumspreis 2018 an das Haus, das der Geschichts- und Heimatverein (GHV) Dreieichenhain 2010 vom Kreis Offenbach übernommen hat und seitdem erfolgreich in Eigenregie betreibt. Museumsleiterin Corinna Molitor freut das ganz besonders: Die Räume tragen ihre Handschrift, sie steckt all ihr Herzblut in die Ausstellungskonzepte.

Frau Molitor, Sie sind bestimmt stolz wie Oskar.
Wer hätte das gedacht, den Museumspreis zu gewinnen! Das ist eine tolle Sache.

Damit spielen Sie in einer Liga mit großen Namen wie dem Jüdischen Museum Frankfurt, dem Deutschen Filmmuseum Frankfurt und dem Naturkundemuseum Erfurt.
Ich hatte es mir sehr lange überlegt, ob wir uns bewerben sollen, ob die sich nicht totlachen, wenn sie unsere Bewerbung sehen. Wir sind ja echt ein total kleines Haus, haben nicht mal ein Zehntel vom Budget der Anderen.

Wie konnten Sie die Jury überzeugen?
Ich habe ein mehrseitiges Booklet geschrieben, habe da neben vielen Fotos alles reingepackt, was besonders ist am Dreieich-Museum.

Und was ist das Besondere?
Dass wir nur ein ganz kleines Budget haben, dass unsere Räume auch mit wenig Platz richtig professionell ausschauen, dass wir privatrechtlich sind, dass der GHV als Trägerverein den Mut hatte, das Museum umzubauen. Das war ein finanzielles Vabanque-Spiel, weil in einem Museum nie das Geld wieder reinkommt, das man ausgeben muss. Der GHV hätte auch sagen können, wir machen nur eine reine Ausstellungshalle aus dem früheren Kreismuseum. Drei Jahre lang zu recherchieren und dann eben auf 110 Quadratmetern eine Dauerausstellung zu kreieren mit einer Grafikerin und einem Architekten, das war schon sehr mutig vom GHV. 2014 fingen wir an umzubauen, 2017 war dann alles fertig. Geholfen hat uns der Hessische Museumsverband, der uns gefördert hat, und der Kreis Offenbach, der uns mitfinanziert.

Die Ausstellung ist jetzt modern und peppig – weil Sie selbst was gegen Muff haben?
Schon von Berufs wegen schaue ich mir in anderen Museen an, was spannend ist. Wir hatten uns eine Grafikerin ausgesucht, die in Heusenstamm ein Museum grafisch durchgezogen hat, von dem ich sage, dass es schön geworden ist. Sie hat uns auf die Ziellinie gebracht. Wir wollten etwas Modernes, Klares machen mit multimedialen Komponenten – aber nicht zu viel. Multimedia müssen Sie ja warten, und dafür haben wir nicht das Budget.

Können Sie den Erfolg auch in Zahlen ausdrücken?
Ja. Aus knapp 2000 Besuchern im Jahr 2011 sind im Vorjahr 13 000 geworden.

Das Museum trägt Ihre Handschrift, ist quasi Ihr Lebenswerk.
Meine Kollegin, die Archäologin Anna-Mala Kolaß, und ich, wir brennen für unseren Job. Schauen Sie sich doch um: Wer arbeitet noch in seinem Job, wenn er Geschichte studiert hat? Da haben wir echt Glück gehabt. Ich bin auch Werbekauffrau, kenne mich ein bisschen aus mit Medien, Öffentlichkeitsarbeit, Farben und Grafik. Es war schon immer mein Traum, ein eigenes Museum umzugestalten. Wo kann man das schon? Ich bin hier der Chef, sage, welche Ausstellung wir zeigen. Bis jetzt war das für mich eine wunderbare Spielwiese.

Gab es keine Kritik, weil Ausstellungsstücke wie Webstuhl oder Spinnrad weichen mussten?
Der GHV musste als Geldgeber dahinterstehen. Den Vorstand habe ich davon überzeugt, dass die Zeit voranschreitet, dass die Menschen Technik brauchen und wollen im Museum, dass man mit dem alten Konzept keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Vom Vorstand gab es einen großen Vertrauensvorschuss. Der wusste nur im Groben, um was es geht.

Wo nehmen Sie die Ideen für die Wechselausstellungen auf den 200 Quadratmetern im Erdgeschoss her?
Ich recherchiere, schaue, was andere Häuser präsentieren, ob deren Ausstellungen vom Platz her reinpassen, ob wir sie uns leisten können. Wir haben einmal im Jahr für mehrere Monate eine Mitmachausstellung für Kinder. Damit ziehen wir Horte, Schulen und Kindergeburtstage hier rein. Wir haben 100 Führungen in diesem Intervall, und insgesamt 5000 Besucher in der Kinderausstellung.

Was passiert denn mit den 25 000 Euro Preisgeld?
Wir haben zwei Ideen. Für eine habe ich noch kein „Go“ von der Kulturstiftung, das kann ich heute noch nicht kommunizieren. Die zweite Idee: Wir möchten das Museumsflachdach zu einer eingezäunten Leseinsel machen, damit die Besucher raus können und die benachbarte Burganlage von der Plattform aus anschauen können.

Zur Person: Corinna Molitor, 46, ist die Leiterin des Dreieich-Museums in Dreieichenhain – seit 2010, als das Haus vom Kreis Offenbach an den Geschichts- und Heimatverein Dreieichenhain überging.

Die Mutter von zwei Kindern ist in Böblingen geboren, hat in Tübingen ihren Magister in Geschichte, Kunstgeschichte und empirischen Kulturwissenschaften gemacht und auch eine Ausbildung als Werbekauffrau absolviert. 

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